Pastoral und Finanzen gehören in einen Raum

Online-Tagung von Aachener Diözesanrat der Katholiken und Nell-Breuning-Haus erörterte Entwicklungs- und Gestaltungschancen mit Blick auf den Umgang der Kirche mit Geld und Vermögen

Kollektenkorb (c) Bernhard Riedl in Pfarrbriefservice.de
Datum:
Mo. 14. Dez. 2020
Von:
Monika Herkens

Der Umgang mit Geld und Vermögen ist eines der großen Themen, die zurzeit in der Kirche aus der Tabuzone geholt und besprochen werden. Neben den Beratungen auf Bundesebene, etwa beim Synodalen Weg, finden diözesane Verständigungen statt. Auch im Bistum Aachen geraten die Dinge in Bewegung, wie bei einer Online-Tagung von Diözesanrat der Katholiken und Nell-Breuning-Haus deutlich wurde.

Zum 1. November 2020 ist eine neue Finanzordnung für die Diözese in Kraft getreten, skizzierte Martin Tölle, Ökonom des Bistums Aachen. Diese etabliert eine stärkere Kontrolle der Strukturen, Akteure und Entscheidungen mit großer finanzieller Tragweite. Ein Kirchensteuer- und Wirtschaftsrat, kompetent besetzt, entscheidet über Haushalte der diözesanen Rechtsträger und über die Entlastung des Ökonoms. Flankierende Kontrollen zustimmungspflichtiger Rechtsgeschäfte übt ein Vermögensrat aus. All das sei ein wichtiger und guter Schritt in die richtige Richtung, würdigte der Frankfurter Sozialethiker Prof. Dr. Bernhard Emunds die Aachener Reform.

Aber er hielt zugleich fest: Sie ist in seinen Augen nur ein erster Schritt hin zu einer vollständigen Transparenz, zu umfassender Rechenschaft und zu einer nachhaltigen Kontrolle der kirchlichen Finanzen. Für ihn eine entscheidende Frage: Wem dient die Finanzordnung? Ist der Souverän das Volk Gottes, also die Gläubigen, noch konkreter: die Kirchensteuerzahler? Oder bleibt es bei der Vorrangstellung des Bischofs in der ausführenden Gewalt der Diözese? Auf Bundesebene werde diese Frage intensiv diskutiert, sagte Emunds aus erster Hand, er nimmt an entsprechenden Beratungen des Synodalen Weges im Auftrag des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken teil.

Er plädierte dafür, in die neu geschaffene Finanzordnung der Aachener Diözese weitere Streben der Gewaltenteilung einzuziehen. Nicht nur der Ökonom, sondern auch Bischof und Generalvikar sollten sich in finanziellen Fragen der Kontrolle durch das neue Gremium unterwerfen. Wohlgemerkt geht es Emunds bei diesen Vorschlägen nicht um die theologische Stellung des Bischofs, um dessen Rolle mit Blick auf das Lehramt der Kirche, auch nicht um das Weiheamt an sich. Sondern es geht ihm um die weltlichen Aspekte, die mit der Verfügung über Geld und Vermögen und den Umgang mit Geld und Vermögen zu tun haben. Hier sich von außen kontrollieren zu lassen, durch kompetente Personen, die unabhängig sind, beuge möglichen Fehlern und Missbräuchen vor. Dass dies dringend notwendig sei, zeigten viele Skandale in deutschen Diözesen und im Vatikan.

Als Sozialethiker weitete der Professor aus Frankfurt den Blick auf Aspekte, die über das rein Finanzielle und Strukturelle hinausgingen. Der Kirche erwachse aus ihrem enormen Vermögen eine enorme Verantwortung, der sie im Ganzen betrachtet zu wenig gerecht werde, sagte Emunds. Sie solle sich stärker als bisher als Gestalterin in die Gesellschaft einbringen, sei es als kritische Aktionärin bei Konzernen, in die sie investiere, sei es als Eigentümerin von Immobilien und Grundstücken. Viele Kirchengemeinden hätten die konkrete Chance, preiswerten Wohnraum in den angespannten Wohnungsmärkten des Bistums Aachen zu schaffen oder einen Beitrag zu einer nachhaltigen Regionalentwicklung im Rheinischen Revier zu leisten.

Und er ging noch einen Schritt weiter, was seine Forderung nach einer stärkeren Gewaltenteilung im institutionellen Geflecht der Kirche betraf. Emunds warb dafür, ähnlich wie in Limburg einen breit legitimierten diözesanen Rat zu gründen, der die pastoralen Schwerpunkte des Bistums festlege. Das Kirchenrecht sehe zwar das Primat des Bischofs vor, er könne sich aber freiwillig selbst verpflichten, die Vorschläge und Beschlüsse des Gremiums zu achten und verbindlich damit umzugehen. Mit der Begründungspflichtigkeit bischöflichen Handelns fahre Limburg gut, weil es eine echte Gemeinschaft im kirchlichen Handeln der Diözese unterstütze, auch in finanziellen Fragen. Unterhalb der Schwelle, ob eine solch weitreichende Reform in Aachen denkbar ist, schlug Emunds vor, in jedem Fall die Aachener Finanzordnung um einen Nachhaltigkeitsausschuss zu ergänzen, der die verschiedenen Akteure auf pastorale und sozialethische Aspekte im Umgang mit Geld und Vermögen verpflichtet.

Viel Stoff für eine engagierte Weiterberatung im Bistum. Ökonom Martin Tölle sagte zu, die gehörten Aspekte und Vorschläge in die internen Diskussionen zur weiteren Entwicklung der Finanzordnung mitzunehmen. Es habe sich gezeigt, dass Pastoral und Finanzen in einen Raum gehörten, unterstrich Dr. Karl Weber, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken, eine Quintessenz der Tagung. Dass hier miteinander konstruktiv über eine weitere Verbesserung der Finanzordnung gesprochen wurde, wertete er als Rückenwind für das Anliegen des Diözesanrats, auch im Bistum Aachen Fragen von Macht und Geld zu erörtern. Könne so nicht das Modell einer neuen, wahrhaft synodalen Kirche aussehen? Sein Appell an alle: Verlassen wir die Krisenlogik, an der die Institution zurzeit erstickt, und finden wir zu einer gemeinsamen Entwicklungslogik. Gestaltungschancen gibt es viele.