domradio.de: ZdK-Präsident Sternberg kritisiert Vatikan-Dokument

"Abenteuerliche Realitätsferne"

Thomas Sternberg bei einem seiner Auftritte auf dem 100. Deutschen Katholikentag 2016 in Leipzig. (c) Von J.-H. Janßen - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49401848
Mi 22. Jul 2020
domradio

Das Vatikan-Dokument zu Pfarreireformen und der Rolle von Laien sorgt für Diskussionsstoff. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat es gelesen – und kann sich mit einigen Aspekten gar nicht anfreunden.

DOMRADIO.DE: Vielleicht fassen wir es noch mal aufs Wesentliche zusammen: Was konkret steht drin in diesem Papier?

Prof. Dr. Thomas Sternberg (Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken / ZdK): Es ist ein langes Papier. Das sind immerhin 34 Seiten. In elf Abschnitten wird in 124 Ziffern etwas weit ausgebreitet, insbesondere auch zur Frage der Pfarreienzusammenlegung beziehungsweise den Zusammenschlüssen von Pfarreien. Aber in dem Aufwasch werden dann auch gleich die Dienste in den Gemeinden angesprochen, die Frage der Laien und es wird ein Priesterbild gezeichnet, das eine abenteuerliche Realitätsferne aufweist.

DOMRADIO.DE: In den Reformbewegungen der Bistümer geht es aber gerade darum, also Pfarrer zum Beispiel auch durch Laien zu entlasten. Leistungsbefugnisse für Laien spielen gerade eine Schlüsselrolle. Es gibt auch schon Laien in Leitungsfunktionen. Was passiert mit diesen bereits geschaffenen Strukturen, wenn man sich jetzt auf dieses Papier einlässt?

Sternberg: Also, nun macht dieses Papier ja zunächst einmal vor allen Dingen in diesen Abschnitten einen Rekurs auf das Kirchenrecht. Das Kirchenrecht von 1983 war ein Recht, in dem die partizipativen Ansätze des Konzils zum Teil erheblich zurückgedrängt wurden. Nur: Das, was da in diesen Kirchenrechtsartikeln steht, ist längst nicht die pastorale Wirklichkeit unserer Gemeinden.

Wenn da zum Beispiel steht - auch jetzt in diesem Papier wieder -, dass alle Gremien reine Beratungs- und Hilfsgremien sind, die den Pfarrer, der da als Hirte idealisiert wird, unterstützen und beraten sollen, dann geht das insofern an der Realität vorbei, als wir etwa in Deutschland staatskirchenrechtlich geregelt haben, dass die Kirchenvorstände und Vermögensverwaltungsräte Mitbestimmungsgremien sind. Die sind Entscheidungsgremien, keine Beratergremien.

DOMRADIO.DE: Sie mussten sich erst mal die Augen reiben, als Sie das gelesen haben? Wie war Ihre erste Reaktion?

Sternberg: In den ersten fünf Kapiteln geht es um die Frage von neuen Herausforderungen. Da kann man sehr viel Vernünftiges lesen. Das ist gar nicht so schlecht. Dann gibt es etwas zu der Frage der allzu großflächigen Pfarreizusammenlegung. Auch da finde ich sehr viel Bemerkenswertes: Dass man auf den Einzelfall jeweils gucken muss, dass man das nicht so pauschal machen kann, ist alles durchaus nachvollziehbar.

Aber wenn es dann um die Ämter und um die Laien geht, dann denke ich: Was ist das für ein merkwürdiges Bild? Als wenn die Laien jetzt hier in die Verantwortung und in die liturgischen Dienste drängen würden. Das ist ja keinesfalls der Fall. Wir müssen ja um die Partizipation werben. Wir müssen ja um Leute werben, die sich engagieren. Und wenn wir heute für Leute werben würden, sich einem Wahlprozess zu unterziehen, um anschließend in einem Gremium zu sitzen, das ein reines Plaudergremium ist, in dem der Pfarrer mal gucken kann, was so in der Gemeinde los ist, dann muss ich sagen, gibt es so etwas nicht mehr. Ein Pfarrer, der so in seiner Gemeinde arbeiten würde, würde sehr schnell Schiffbruch erleiden.

DOMRADIO.DE: Was glauben Sie, was hat Papst Franziskus dazu bewogen, so ein Papier auf den Weg zu bringen? Die Rahmenbedingungen zum Beispiel hier bei uns in Deutschland, die kennt er ja, oder?

Sternberg: Ja, ich denke, dass einer der Gründe, wenn ich auf Deutschland blicke, die Klage von Priestergruppen aus dem Bistum Trier waren, die sich in Rom erfolgreich gegen die Auflösung ihrer Pfarreien beschwert haben. Das Bistum Trier wollte aus 884 zum Teil uralten Pfarreien mit einem Federstrich 32 machen. Und das hätte natürlich bedeutet, dass Hunderte von Pfarrern mal eben kurz ihres Amtes enthoben worden wären und keine Pfarrer mehr gewesen wären. Dagegen hatten sich Pfarrer gewehrt – und ich habe den Eindruck, das Papier hat nicht zuletzt diese Situation im Blick und stärkt jetzt die Position der Pfarrer und sagt: Die haben ein Recht, wenn sie ernannt sind, auch Pfarrer zu bleiben. Man kann die nicht mit einem Federstrich mal eben kurz degradieren und zu Subsidiaren machen. Das ist insofern alles gar nicht so falsch.

Aber vor allen Dingen ist das Papier realitätsfremd im Blick auf die Priester. Da wird ein Bild gezeichnet von der Herde, die sich um den Hirten schart und dann eben so ein paar Hilfsdienste macht. Das ist natürlich insofern Unsinn, als es die Priester nicht mehr gibt. Wir haben sie schlichtweg nicht.

Und ich bin ganz sicher: Auch das, was zur Gemeindeleitung gesagt wird, wird sich einfach schlichtweg durch die Realität anders ergeben, weil die Pfarrer, die Priester nicht da sind, um eine solche Gemeindefigur aufrechtzuerhalten, die da gezeichnet wird, wenn es die übrigens je gegeben hat – das muss man auch dazu sagen. Nein, ich glaube, es wird die Reformprozesse, die überall laufen, nicht aufhalten. Dafür ist dieses Papier allzu realitätsfern.

Das Interview führte Verena Tröster.