Für einen Strukturwandel, der die Risse kittet

Brückenschläge in einem bedrohten Dorf: Aachener Diözesanrat der Katholiken lud zum „Gottesdienst an der Kante“ in Keyenberg ein

Gottesdienst an der Kante (c) Thomas Hohenschue
Datum:
Mo. 22. März 2021
Von:
Diözesanrat Aachen | Thomas Hohenschue

Keyenberg gehört zur Gemeinde Erkelenz. Nur mehrere Hundert Meter entfernt beginnt die Kante zu einem Loch, das mehre Hundert Meter in die Tiefe reicht. Inmitten eines recht ursprünglichen Dorfes mit denkmalgeschützten Häusern ragt mit Heilig Kreuz eine Kirche heraus, die auf 1.300 Jahre Geschichte zurückblickt. All dieses soll nach bisherigen bergbaulichen Planungen, auf Basis überkommener Zieldaten, bald nicht mehr sein. Der Protest dagegen wird lauter.

Jetzt bezogen katholische und evangelische Kirche im Schatten der Keyenberger Kirche gemeinsam Stellung. In Federführung des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Aachen feierten am 21. März 2021 mehr als 150 Frauen und Männer einen ökumenischen Gottesdienst. Mit an Bord waren Initiativen aus Kirche und Zivilgesellschaft, die der Wille verband, hier ein Zeichen für einen Wandel in der Energie- und Strukturpolitik zu setzen. Alle Dörfer sollen bleiben, heißt treffend eine davon.

Die Kernbotschaft des „Gottesdienstes an der Kante“ setzten die beiden hohen Geistlichen, die ihn mit vielen gemeinsam gestalteten: der katholische Regionalvikar Markus Bruns und der evangelische Superintendent Jens Sannig. Ihre Botschaft: Das Abbaggern der Dörfer müsse abgewendet werden, um mit der Heimat auch das Klima zu retten. Das bedeute aber auch, den Strukturwandel so auszurichten, dass die Beschäftigten des Bergbaus eine neue Zukunft für sich und ihre Familien sähen.

Die Risse in den Orten, in den Kirchengemeinden, in den Familien müssten gekittet werden, lautete der Appell. Bruns sagte, aus seiner Familiengeschichte wisse er, wie viel Identität mit einem Beruf im Bergbau verbunden sei. Auch die Beschäftigten dort erlitten durch die Debatte Verlustschmerz, Unsicherheit und Zukunftsängste. Daher liege in einer konstruktiven und kreativen Gestaltung des Strukturwandels die Perspektive für alle Beteiligten – die Region könne das, sagte Bruns zuversichtlich mit Blick auf die Bewältigung des Endes des Steinkohlebergbaus vor fast 25 Jahren.

Wandel ist möglich und dringend nötig: Diese Botschaft transportierte auch das Misereor-Hungertuch, das vor die Keyenberger Kirche gespannt wurde. Anselm Meyer-Antz erläuterte als Indienexperte des Bischöflichen Hilfswerkes die globalen Zusammenhänge. Indem wir hier im Rheinischen Revier fossile Energien verfeuern, tragen wir zu Extremwettern in dem asiatischen Land bei. Tausende Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig gerettet werden. Wer weiter lebt, darüber entscheidet häufig die Zugehörigkeit der Familie zu einer Kaste.

Diesen Ernst hatte auch die Anwohnerin Barbara Oberherr vor Augen. Sie schilderte persönliche Gefühle und Gedanken angesichts des drohenden Verlustes ihrer Heimat. An ihr hänge ihr Herz, hier sei sie verwurzelt. Umso schmerzlicher sei ihre seelische Lage, als dass ganz offensichtlich sei, dass das Abbaggern der Kohle unter ihrem Dorf weder energiewirtschaftlich nötig sei noch klimapolitisch verantwortlich. Sie schloss mit einem Ruf, der vielen Gästen des Gottesdienstes geläufig war: „Ich rette Keyenberg, wir alle einen Planeten.“

Dass die AG Braunkohle des Diözesanrates diesen Gottesdienst organisieren konnte, hatte mit einem Moratorium zu tun, das der Aachener Bischof Dr. Helmut Dieser vor einigen Wochen nach Beratung im Priesterrat ausgesprochen hatte. Ursprünglich sollte an diesem 21. März die Kirche entwidmet werden. Dieses schmerzliche Ereignis ist ausgesetzt, bis eine neue Leitentscheidung der Landesregierung zur Braunkohleplanung vorliegt. Die Würfel fallen in Kürze. Was auch immer geschieht: Der Diözesanrat wird die Debatte über den Strukturwandel weiterbegleiten.

Gottesdienst an der Kante - Keyenberg

Mo. 22. März 2021
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