Nachbericht zur Veranstaltung „Bibel queer gelesen“:Sechs Fragen an Knut Wormstädt

Im Nachgang haben wir Knut Wormstädt sechs Fragen gestellt, um zentrale Gedanken des Abends aufzugreifen und Einblicke in die Möglichkeiten queerer Bibellektüre zu geben:
1. Bibel queer lesen – was bedeutet das im Rahmen dessen, was wir als Bibelverstehen im wissenschaftlichen Kontext verstehen?
Mit der Bibel zu interagieren kann zunächst einmal ganz unterschiedliche Hintergründe und Absichten haben. Es könnte darum gehen, etwas über die Zeit zu lernen, in denen die biblischen Texte geschrieben worden sind. Oder aber es könnte im Fokus stehen, einen kulturellen Zusammenhang zu begreifen – beispielsweise ein Verweis auf eine Bibelstelle in einem Roman. Neben so einem kognitiven Verstehensinteresse könnten Menschen die Bibel als ein Buch lesen, in dem andere ihre jeweiligen Gotteserfahrungen niedergeschrieben haben, was einfach für sich interessant sein kann, aber auch Orientierung für die eigene Religiosität geben kann. Schließlich könnten Menschen die Bibel lesen, um Gottes Wünsche und Willen für die Welt zu ergründen und daraus Glaubenssätze abzuleiten. Alle diese Zugänge zur Bibel stehen zunächst einmal nebeneinander – ob man sie als legitim anerkennt, hat viel mit dem eigenen Welt- und Gottesbild zu tun und sowohl analytische als auch spirituelle Ansätze schließen manchmal einen Teil dieser Möglichkeiten aus.
Die Bibel queer zu lesen kann hierbei nochmals Unterschiedliches meinen: Es könnte darum gehen, sich auf die Suche nach Spuren von Lebenswirklichkeiten zu machen, die nach heutigem Sprachgebrauch „queer“ genannt werden würden. Es könnte darum gehen, in der Bibel nach Identifikationsflächen für die eigene Identität zu suchen, etwa, um die eigene Verbindung zum christlichen Glauben zu stärken oder Anknüpfungspunkte für spezifische, seelsorgerliche Herausforderungen einer queeren Lebensrealität zu finden. Oder aber es könnte darum gehen, biblisch begründete Ausgrenzungsmechanismen theologisch fundiert zurückzuweisen und implizite Vorannahmen in Frage zu stellen (z.B. warum Gott eigentlich so häufig männlich konnotiert daherkommt, oder ob es wirklich so ist, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen keinen Segen haben können).
2. Wie wird queere Bibellektüre im wissenschaftlichen Kontext bewertet?
Mit „wissenschaftlichem Kontext“ sind ja in der Regel die christlichen Theologien gemeint. Hier lässt sich zunächst einmal beobachten, dass Theologie ein in besonderer Weise positionelles Geschäft ist. Wenige Wissenschaften sind so stark explizit am Vollzug ihres Gegenstands beteiligt wie die Theologie. Daraus folgt, dass es sehr unterschiedliche Positionen innerhalb der christlichen Theologien gibt, was als „gute“ Theologie gelten kann – was übrigens durch die Geschichte des Christentums hindurch immer schon so war. Unterscheidungsmarker können hierbei Konfession aber auch eine besonders liberale oder konservative Ausrichtung sein, sowie auch eine Verortung innerhalb des Fächerkanons der Theologie: Eine Bibelwissenschaftlerin wird vielleicht andere Anfragen an die Erkenntnisse queerer Bibellektüre haben als eine Sozialethikerin oder eine Liturgiewissenschaftlerin und alle drei liegen vielleicht auch deswegen näher bei- oder weiter auseinander, weil sie die Bibel als besonders unvermitteltes Gotteswort oder aber gerade als zu historisierendes Menschenwort wahrnehmen.
Insgesamt lässt sich also festhalten, dass die Wahrnehmung queerer Ansätze der Bibellektüre in den christlichen Theologien sehr unterschiedlich bewertet wird, von starker Befürwortung bis hin zu radikaler Ablehnung. Darüber hinaus stimmt noch die Beobachtung, dass queere Bibellektüre als wissenschaftlicher Ansatz eine deutlich größere Verbreitung in englischsprachiger Theologie hat als in deutschsprachiger, wo diese Perspektive nach wie vor eine Nische darstellt.
3. Inwiefern lässt sich an queerer Bibellektüre verdeutlichen, wo Grenzen und Chancen von Bibelverstehen liegen?
Queere Bibellektüre gehört, wenn man als Ordnungskonzept das „Hermeneutische Viereck“ des Heidelberger Bibelwissenschaftlers Manfred Oeming zugrunde legt, zu den so genannten „rezipient*innenorientierten Ansätzen“ (die anderen Perspektiven bei Oeming sind Autor*innen, Texte und Sachen). Hierbei stehen die Leser*innen und ihre Welten in einem besonderen Fokus beim Unterfangen der Bibellektüre. Mit Blick auf Chancen und Grenzen ist zunächst einmal wichtig, dass Oeming diese verschiedenen Perspektiven nicht gegeneinander wertet.
Queere Bibellektüre als rezipient*innenorientierter Ansatz kann in besonderer (und naheliegender) Weise die Bedürfnisse queerer Christ*innen abbilden, indem sie ihnen ermöglicht, ihre eigenen religiösen Überzeugungen und spirituellen Erfahrungen auszudrücken und mit anderen Christ*innen ins Gespräch zu bringen. Es kann helfen, traditionelle Lehrsätze des Christentums mithilfe biblischer Texte anzufragen oder auch rundheraus zurückzuweisen, wenn diese sich als schädlich für queere Christ*innen herausstellen. Schließlich kann eine queere Bibellektüre auch Möglichkeitsräume aufmachen, um christliche Gemeinschaften, Liturgien oder Überzeugungen (wie die von Gottes Liebe und Gerechtigkeit) noch einmal ganz neu zu denken.
Natürlich hat aber auch eine queere Bibellektüre – wie alle Formen der Bibellektüre – blinde Flecken und Grenzen. Eine rezipient*innenorientierte Auslegung muss immer darauf achten, die Eigenlogik der Texte, die für Adressat*innen vor über 2000 Jahren geschrieben wurden, zumindest als parallele Sinnlinie mitzudenken. Die biblischen Texte denken gerade nicht mit dem Konzept „queer“, das bestimmte ideengeschichtliche Voraussetzungen im 20. Jahrhundert hat. Das gilt gerade auch, wenn man sich daran macht, queere Gestalten in biblischen Texten aufzuspüren. Figuren wie zum Beispiel Eunuchen sind hierfür eine – mit Recht – interessante Personengruppe, aber sie eins zu eins mit modernen Genderkategorien wie trans oder agender zu identifizieren eröffnet die Gefahr, Verschiebungen im Denken und Weltwahrnehmen zu überdecken.
4. Gibt es biblische Texte, die gerne herangezogen werden, um zu behaupten, dass Homosexualität in der Bibel verboten werde und was lässt sich zu diesen Texten sagen?
Zur Verurteilung von Homosexualität durch christliche Gemeinschaften werden einige klassische Stellen herangezogen, für die sich im englischsprachigen Raum die Sammelbezeichnung „Clobber Passages“ oder „Texts of Terror“ etabliert hat. Dies sind die Geschichte von Sodom und Gomorrha (Gen 19), das Heiligkeitsgesetz in Lev 18 und Lev 20, die Warnung vor widernatürlichem Verkehr bei Paulus (Röm 1) sowie die Lasterkataloge (1 Kor 6, 1 Tim 1). Welche Bedeutung man diesen Texten beimisst hängt u.a. davon ab, welche Art der Bibelauslegung man generell annimmt (bspw. Bibel als Gotteswort, als Traditionsanker oder als historisches Dokument).
Die historisch-kritische Bibelauslegung, die sich als dominante Methode westlicher Bibelwissenschaft durchgesetzt hat, hat diese Stellen in einen geschichtlichen Kontext gestellt und dadurch auch in ihrer Unmittelbarkeit entschärft. Diese Bibelauslegung hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Autor*innen dieser Texte kein Konzept von gleichgeschlechtlichem Sex auf Augenhöhe hatten, dass die Ausrichtung von Sexualität auf Fortpflanzung wichtig für die soziale Versorgung der Menschen dieser Zeit war (denn die Kinder versorgten ihre Eltern im Alter) und dass die Aufrechterhaltung der Schöpfungsordnung ein kultisch wichtiges Anliegen war, das aber keine Wertdifferenz zwischen gleichgeschlechtlichem Sex und zum Beispiel dem Verzehr von Krabben, Hasen und Schweinen angelegt hat.
5. Gibt es gute Beispiele aus der Bibel, die sich besonders anbieten, um Bibel queer zu verstehen, weil sie hier eine gewisse Offenheit mitbringen: Kannst du hier vielleicht an einem Beispiel diese Offenheit veranschaulichen?
Es gibt eine Reihe von erzählenden Texten, die durch die Geschichte hindurch queer gelesen wurden. Besonders bekannt sind hierbei erzählende Texte wie das Buch Ruth oder die Erzählung von David und Jonathan in 1 Sam 18–20. Jonathan ist der Sohn König Sauls, der sich mit David anfreundet und ihn „lieb gewann wie sein eigenes Leben“ wie die Lutherbibel schreibt. Daraufhin entledigt er sich Rock, Schwert und Rüstung und gibt diese David in seinem Gemach. Später will Saul David nicht mehr in seinem Haus haben, sodass die beiden sich unter Tränen und Küssen im Dunkel der Nacht verabschieden. Als schließlich Saul und Jonathan zu Tode kommen singt David ihnen eine Totenklage, in der es über Jonathan heißt: „deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist“.
Andere Texte wie Gal 3,28 („…hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“) sind theologisch interessant, um binäre Logiken des Theologietreibens zu überwinden und neben feministischen auch explizit queere Deutungen angezogen haben. In der Theologiegeschichte wurden außerdem auch weniger offensichtliche Texte queer gelesen, etwa Thomas’ Begegnung mit dem auferstandenen Christus, dessen Seitenwunde als Vulva gedeutet wurde; aber auch Josefs vielfarbenes Gewand wurde als Prinzessinnenkleid gelesen. Beide Texte wurden genutzt, um eine Theologie geschlechtlicher Vielfalt zu stützen.
6. Kannst du zum Abschluss (z.B. jeweils 2-3) Literaturempfehlungen geben – sowohl für Einsteiger*innen als auch für Menschen, die sich bereits intensiver mit dem Thema beschäftigt haben?
Für Einsteiger*innen kann ich auf Deutsch empfehlen den Herausgeber*innenband von Lara A. Kneubühler und Mirian Löhr. Queere Theologie: Perspektiven aus dem deutschsprachigen Raum, Queer Studies 41. Transcript, 2024 und Kerstin Söderblom. Queer theologische Notizen. Esuberanza, 2020, sowie Chris Greenough. Queer Theologies: The Basics. Routledge, 2019.
Zur Vertiefung finde ich den (englischsprachigen) queeren Bibelkommentar von Robert Goss und Mona West, Hrsg. The Queer Bible Commentary. 2. Aufl. Hymns Ancient & Modern Ltd, 2022, spannend, sowie den Aufsatz von David Tabb Stewart. „LGBT/Queer Hermeneutics and the Hebrew Bible“. Currents in Biblical Research 15, Nr. 3 (2017): 289–314. Um generell einen Überblick über verschiedene Ansätze zur biblischen Hermeneutik zu bekommen, bietet sich Manfred Oeming. Biblische Hermeneutik: Eine Einführung. 4. Aufl. Einführung Theologie. WBG, 2013 an.