Ein Leben zwischen Arbeit, Umwelt und Kultur:Aus Überzeugung engagiert: Wilfried Hammers erhält Bundesverdienstkreuz

Seit mehr als fünf Jahrzehnten engagiert sich der seit 1954 in Herzogenrath lebende Hammers gesellschaftlich, politisch und kirchlich. Die Wurzeln seines Engagements liegen in Herzogenrath-Merkstein. Dort gründete er die KJG mit und setzte sich früh für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen ein. Aktionen wie „Jute statt Plastik“, die Vermeidung von Abfall oder die Beteiligung an der Anti-AKW-Bewegung waren für ihn Ausdruck einer zentralen Frage: Wie kann ein gutes und gerechtes Leben für alle gelingen?
Dabei ging es ihm nie um Aktionismus oder um möglichst viele Projekte. Qualität sei wichtiger als Quantität, betont Hammers. Die vielen Krisen dieser Welt könne niemand allein lösen, wohl aber im eigenen Umfeld Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig lernte er auch, auf die eigenen Grenzen zu achten. Selbst(für)sorge sei unverzichtbar, wenn Engagement dauerhaft tragen solle.
Besonders wichtig sind ihm dabei die richtigen Begriffe. Den Ausdruck „ehrenamtlich“ lehnt er bewusst ab. Er spricht stattdessen von „zivilgesellschaftlichem Engagement“, weil dieser Begriff für ihn weniger ausgrenzend ist und stärker die intrinsische Motivation in den Mittelpunkt stellt. Engagement bedeute für ihn nicht, Lob oder Anerkennung zu erhalten, sondern Verantwortung für das Zusammenleben zu übernehmen.
Sein Weg führte ihn zunächst in eine kaufmännische Ausbildung, später entschied er sich jedoch bewusst für die Jugendarbeit und studierte Religionspädagogik. Als Gemeindereferent im Bistum konnte er gesellschaftliche, politische und pastorale Fragen miteinander verbinden.
Inhaltlich entwickelte sich sein Engagement über die Jahre weiter. Aus den Themen Arbeit und Umwelt entstand später gemeinsam mit dem Bereich Kultur eine „Trias“, die bis heute sein Denken prägt: Arbeit, Umwelt und Kultur gehören zusammen und dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Diese Haltung spiegelt sich auch in seinem langjährigen Einsatz im
Förderverein Arbeit Umwelt Kultur wider. Die neu gestaltete Plattform „Arbeit Umwelt Kultur“
bündelt bis heute zahlreiche Initiativen und Projekte.
Auch die Verbindung zum Diözesanrat der Katholik*innen im Bistum Aachen reicht viele Jahrzehnte zurück. Zwischen 1982 und 1986 engagierte sich Hammers im KJG-Diözesanverband. Verbandsarbeit und Diözesanrat seien für ihn deshalb nicht nur Begriffe, sondern konkrete Orte kirchlicher Mitgestaltung. 2012 wurde sein Engagement zudem mit dem
umWeltPreis des Diözesanrats gewürdigt.
Kraft schöpft Hammers auch aus seinem Glauben. Die Bergpredigt bildet für ihn eine zentrale Orientierung: Maß zu nehmen an den Ohnmächtigen statt an den Privilegierten. Ebenso prägen ihn die Gedanken der Philosophin und Mystikerin Simone Weil, insbesondere ihre Auseinandersetzung mit Entwurzelung und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Daraus erwuchs auch sein langjähriges Engagement mit und für geflüchtete Menschen.
Ein weiterer prägender Gedanke stammt von dem Schweizer Theologen Kurt Marti. Entscheidend sei nicht die Frage „Was erwartet mich?“, sondern die Bereitschaft zu handeln. Für Hammers liegt die Krise unserer Zeit weniger in fehlender Erkenntnis als in einer „Handlungskrise“.
Zu den eindrücklichsten Erfahrungen seines Engagements zählen für ihn Begegnungen mit einer Partnergemeinde im peruanischen Cajamarca. Aus dem Praktikum eines befreundeten Priesters entstand eine Zusammenarbeit, die bis heute fortgeführt wird. Besonders bewegt hat ihn dabei die Erfahrung echter Partnerschaft und gegenseitigen Lernens.
Dabei war sein Weg nicht konfliktfrei. Haltung zu zeigen und sie zu bewahren, ist für ihn wichtig. Für Hammers gehört dazu auch ziviler Ungehorsam, wenn grundlegende Werte bedroht sind. Sitzblockaden und Protestaktionen versteht er als Teil christlicher Verantwortung. Christ*innen müssten, so seine Überzeugung, manchmal widersprechen und Widerstand leisten. So wie auch Jesus gesellschaftliche Grenzen überschritten habe.
Mit Sorge blickt Hammers heute auf gesellschaftliche Entwicklungen wie zunehmenden Rechtsradikalismus und rückwärtsgewandte politische Tendenzen. Gleichzeitig bleibt er optimistisch und offen für Neues. Aktuell beteiligt er sich an einem offenen Projekt unter dem Titel „Wohnzimmer der Gesellschaft“, das Menschen miteinander ins Gespräch bringen will, die sich häufig nicht gehört fühlen.
Was Wilfried Hammers anderen Menschen mitgeben möchte: „Tu das, was du kannst, aber tu es!“ Jedes Engagement, auch das kleine, sei relevant und Teil eines größeren Ganzen. Gleichzeitig versteht er Engagement als eine Form von Empowerment: Menschen unterstützen, ohne sie abhängig zu machen. Und wer sich für andere einsetzt, erfahre oft selbst Ermutigung, Gemeinschaft und neue Kraft.
Auch an Kirche und Diözesanrat richtet er einen Wunsch: er spricht sich aus für mehr offene Formate, mehr Räume der Beteiligung und mehr Möglichkeiten, eigene Fähigkeiten einzubringen. Kirche müsse sichtbarer Teil der Zivilgesellschaft sein und Menschen neugierig machen, mitzugestalten. Nicht alles solle vorgegeben werden. Entscheidend sei, Menschen mitzunehmen und selbstbestimmtes Engagement zu ermöglichen.
Vielleicht beschreibt genau das auch am besten, warum Wilfried Hammers mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde: weil er seit Jahrzehnten Menschen ermutigt, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Beharrlich, kritisch, solidarisch und immer mit dem Blick auf das Gemeinsame.
Vielen Dank Herr Hammers für unser Gespräch!