Welche Tür nehmen wir?

Die Zukunft der Demokratie fordert uns heraus. Sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft

Türen (c) www.pixabay.com
Sa 28. Dez 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 01/2020 | Thomas Hohenschue

Wohin entwickelt sich unser Gemeinwesen? Wird es weiter den sozialen Ausgleich vor Augen haben? Oder dominieren künftig noch stärker als bislang einzelne Interessen und Weltanschauungen? Autokratische Führer übernehmen vielerorts das Ruder, mit einem Amtsverständnis jenseits der Spielregeln, die sich die Demokratien gegeben haben. Auch in der Kirche spielt sich ein Machtkampf ab: zwischen denen, die alte Strukturen bewahren wollen, und denen, die sie demokratisieren wollen. Stimmen und Eindrücke aus dem Bistum Aachen.

Christa Nickels hat schon viel gesehen. Die meinungsfreudige Christin aus Geilenkirchen kennt beide Welten sehr gut: die Politik und die Kirche. In beiden hat sie jahrzehntelang gestritten und gestaltet, immer mit dem Gedanken, etwas für die Menschen und ihre Lebensbedingungen bewegen zu können. Heute stellt sie fest: Die Institutionen versagen bei ihren zentralen Herausforderungen. Das gilt zum Beispiel bei der Bewältigung der bedrohlichen Klimakrise. Und es gilt für die katholische Kirche bei der Bewältigung der Missbrauchskrise.

Mit großer Trauer erlebt sie zurzeit ein Déjà-vu: 2010 war es, dass der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen im Raum der Kirche erstmals die deutsche Kirche erschütterte. Die Bischöfe reagierten mit einem Gesprächsprozess, der noch nicht einmal Dialogprozess heißen durfte, weil seine bischöflichen Kritiker darin zuviel Augenhöhe zwischen ihnen und den Laien sahen. Der Gesprächsprozess dauerte Jahre und bewirkte nahezu nichts, außer dass etwas Ruhe einkehrte.

Diese wurde 2018 gestört mit der erneuten, diesmal wissenschaftlich unterfütterten Erschütterung der Kirche. Tausendfacher sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker war ihr Thema. Was passierte? Die Bischöfe reagierten mit einem Synodalen Weg, in dem sie über Jahre mit Laien über wichtige Fragen der Demokratisierung von Kirche sprechen. Augenhöhe ist durch die Satzung ausgeschlossen, insbesondere wenn es später um die Verbindlichkeit von Beschlüssen geht. Aber eine gewisse Ruhe dürfte vorerst einkehren, man spricht ja gepflegt und offen miteinander.

Darüber kann sich Christa Nickels richtig aufregen. Sie hält es für erbärmlich, wenn Laien als Ausfallbürgen und Feigenblatt herhalten müssen. Wofür? Für den bischöflichen Unwillen, das wirklich Notwendige zu tun, sagt sie. Und das wäre, demokratische Säulen in die Institution einzuziehen, Kontrollen, Mitbestimmung von nicht geweihten Frauen und Männern bei Finanzen, Strukturen und der Bestimmung von Bischöfen zum Beispiel. Sie zitiert eine Freundin, die sich an gelebtem Christsein vor Ort erfreut, an Kirchenmusik, an herrlich ausgeleuchteten Kirchen. Die Freundin sagt: Das wird bleiben, selbst wenn eure Bischöfe die katholische Kirche ruinieren sollten.

Auch Marianne Genenger-Stricker setzt keine Hoffnung in den Synodalen Weg. Die Aachener Professorin der Katholischen Hochschule war lange Jahre im Diözesanrat der Katholiken tätig, außerdem wie Christa Nickels im Zentralkomitee auf Bundesebene. Sie sieht wenig Bereitschaft unter der Mehrheit der deutschen Bischöfe, Macht zu teilen, sich kontrollieren zu lassen, öffentlich voll umfänglich Rechenschaft abzulegen.

Das vergangene Jahr 2019 markierte für Genenger-Stricker allerdings einen Wendepunkt. Sie sieht, dass viele Frauen und auch Männer es nicht mehr akzeptieren, dass das Grundrecht der Gleichstellung der Geschlechter in der Kirche nicht gelten soll. Der Druck müsse aufrechterhalten werden, sagt die Professorin. Es sei wie beim Kampf gegen die Klimakrise: Ohne den öffentlichen Widerstand auf der Straße bewege sich nichts. Dankbar schaut Genenger-Stricker auf Aktionen, Debatten und Feste zurück, die etwas Gemeinsames in diesem zähen Streit um die Zukunft spüren ließen. Ohne solche Situationen, die Solidarität und Identität stifteten, wüssten sie und viele andere nicht, wohin sie mit ihrem Verständnis von Christsein sollten. Genenger-Stricker sagt: Wir brauchen dringend diese Orte, sonst sind wir auch noch weg.

Zu den Zeichen der Zeit gehört ein rüder Ton in der Debatte. Gerne wird zum Beispiel gesagt, es gäbe doch eine Kirche, die sich demokratischen Spielregeln unterwerfe: die evangelische. Dorthin könnten ja die Kritiker konvertieren. Damit wären die Probleme gelöst. Aus Sicht dieses Lagers sind es ja auch keine Probleme. Es sind heilige Prinzipien, die unumstößlich sind. Der wichtigste Verbündete dieser katholischen Strömung ist das Kirchenrecht. In dieses sind im Laufe der Jahrhunderte die Prinzipien eingeschrieben worden, um die jetzt so lautstark gestritten wird. Seine Beharrungskraft stützt die, die nichts ändern möchten.

Gleichwohl schwindet die Kraft dieses Rechtes, wenn immer mehr Menschen Widersprüche zum Wertefundament ihres Glaubens entdecken. Die Sexualmoral ist so ein Punkt, in dem viele Gläubige einen Bruch zu den Geboten der Nächstenliebe und Barmherzigkeit sehen. Auch ihr Gottesbild ist ein anderes als das, das sich im Ausschluss von wiederverheirateten Geschiedenen und gleichgeschlechtlich Liebenden zeigt. Der Reformstau ist groß, das räumen auch Bischöfe ein, wie der unserer Nachbardiözese Essen. Darin liegt ein Anfang, wie ihn die frühere Ordensfrau Doris Reisinger, die von Geistlichen missbraucht wurde, kürzlich in Aachen skizzierte. Wenn Normen als überarbeitungsbedürftig erkannt seien, dann könne man ja schon einmal aufhören, sie so vehement zu verteidigen, sagte sie mit Blick auf die geistliche Überhöhung der männlichen Macht in der Kirche.

So monolithisch vormodern und monarchisch das Kirchenrecht öffentlich dargestellt wird, ist es im Detail nicht immer. Es eröffnet schon heute Wege in eine anschlussfähige katholische Kirche, die vom Ich zum Wir kommt. Im Kirchenrecht gibt es Spielräume, dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften zum Durchbruch zu verhelfen. Zum Beispiel in der Leitung von pastoralen Räumen, ob sie nun Pfarreien heißen oder andere Konstrukte ihnen zugrunde liegen. Da gibt es auch bereits gute Praxis, seit Jahrzehnten, im Bistum Aachen. Der „Heute bei dir“-Prozess will sich diese Leitungsmodelle im neuen Jahr 2020 näher anschauen.

Obwohl die Laienräte als direkte Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden, sprechen Anhänger der vorkonziliaren Kirche diesen Gremien die Legitimation ab. Interessanterweise tun sie das mit Verweis auf die geringe Wahlbeteiligung. Die Strukturen, die sie trotz massiven Priestermangels fortschreiben wollen, haben nicht die geringste demokratische Komponente. Ein rhetorischer Taschenspielertrick von vielen, die der Kirchenrechtler Thomas Schüller aus Münster in der Debatte beobachtet. Die Argumentation knüpft an eine gewisse Ermüdung und Ernüchterung an, was die Beratungsaufgabe von Gremien betrifft. Unter den gegebenen Bedingungen stößt sie in der Tat an ihre Grenzen. Schüller, der viele Verbindungen ins Bistum Aachen hat, erlebt gerade unter jungen Klerikern die Haltung, dass es doch viel besser sei, als Herr Pastor alles selbst schnell und effizient entscheiden zu können. Aber es gelte, päpstlich betont: Das ganze Volk kann im Glauben nicht irren. Die Kirche wob sich stets in die Kultur ihrer Zeit ein. Warum also soll es dann heute, im Zeitalter der Demokratie, anders sein? Darum geht es im Kern beim Synodalen Weg. Da dieser Machtkampf seit mehr als 50 Jahren läuft, mit wenigen kleinen Fortschritten und manchen großen Rückschlägen, ist die innere Verbindung vieler Gläubigen zur Institution dünn geworden.

Auch in der Gesellschaft entwickelt sich ein Machtkampf. Die Demokratie gerät unter Druck. Das gesellschaftliche Klima ist rau geworden, auf der Straße, in den sozialen Medien, selbst in den Parlamenten. Netzwerke und Parteien formieren sich, die nicht ohne Grund in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Wie aggressiv und einschüchternd Personen handeln, die in diesem Umfeld politisch tätig sind, kann Peter Plum berichten. Als Referent im Dürener Büro der Regionen kennt er die Ängste und Verunsicherungen, die bei Menschen herrschen, die sich gegen rechts engagieren. Offene Drohungen haben sie erlebt, sie wurden überfallartig bei Demonstrationen fotografiert. Manche verbergen nun ihre Telefonnummern oder legen gleich eine Pause mit öffentlichen Veranstaltungen ein, weil ihre Angst vor Repressalien wächst.

 

Mut und Pioniergeist sind gefragt

Erst kürzlich haben hochrangige kirchliche Vertreter ihre Sorge artikuliert, dass auch die Kirche von autoritären, nationalistischen und grundrechtsfeindlichen Kräften unterwandert werde. Ist das nicht ein Grund mehr, rasch eine wirksame gegenseitige Kontrolle in das Gefüge der Kirche einzuziehen? Das ist aus Sicht vieler, die sich dafür im Bistum Aachen engagieren, eine zentrale Schlussfolgerung aus den Ergebnissen der Missbrauchsstudie. Die Weigerung einer Mehrheit von Bischöfen, kirchenrechtlich bereits heute mögliche Konsequenzen zu ziehen, bringt viele Gläubige zur Verzweiflung. Andererseits gibt es unter den Bischöfen auch Pioniere, die diesen Weg gehen, mit Mut zu mehr Demokratie.

Vielleicht lassen sich die Leitungsverantwortlichen durch die Erfahrungen aus der quartiersbezogenen sozialen Arbeit inspirieren? Seit mehr als 20 Jahren gibt es im Bistum Aachen Pfarreien, Vereine und Initiativen, die mit den Menschen aus einem Stadtteil oder einem Dorf das Gemeinwesen nach vorne bringen. Projekte zur Verschönerung des Wohnumfeldes gehören dazu wie neue Treffpunkte, Beratungsangebote und Straßenfeste. Die örtliche Bevölkerung wächst ein wenig mehr zusammen, es bilden sich neue Beziehungen und Netzwerke, die ein gemeinsames Leben unterstützen und bereichern. Könnte das nicht die Blaupause für eine starke, demokratisch geprägte Erneuerung der Kirche am Ort sein?

Ein Großteil der Aufbrüche und Weiterentwicklungen wird in diesen quartiersbezogenen Vorhaben von Ehrenamtlichen getragen. Aber es braucht stets die Kümmerer. Manchmal sind es ebenfalls freiwillig Engagierte. Oft aber begleiten Hauptberufliche die Menschen auf ihrem Weg. In den Pfarreien, wo der Bezug zur Lebenswelt in einem wirkmächtigen Pastoralkonzept festgehalten ist, stammen diese Motoren und Moderatoren aus dem Pastoralteam oder aus der verbandlichen Caritas. Wie sich das Bistum Aachen eine solche Arbeit vorgestellt hat, vernetzt, offen, kooperativ, ist wegweisend. Diese Erfahrungen gilt es für die Zukunftsdiskussion fruchtbar zu machen. Sind sie ein Anstoß für die innere Erneuerung?

Sich mit den Menschen um ihre Belange zu kümmern, statt über ihre Köpfe hinweg zu bestimmen: Das könnte ein Rezept gegen die Krise der Institutionen sein. Dies erfordert eine neue Kultur, in der Politik ebenso wie in der Kirche. Claudine Nierth von „Mehr Demokratie e. V.“ warb im Aachener Haus der Caritas dafür, das Gegenüber stets als vernunftbegabtes Wesen zu betrachten, dessen Würde unantastbar sei. Sie habe noch keinen Politiker getroffen, der nicht die Welt verbessern wolle. Übertragen auf die Kirche heißt das: Auch mein Gegenüber treibt die Frage um, wie das Evangelium heute neue Strahlkraft entfalten kann. Frage für 2020: Lässt sich auf dieser Basis ehrlich, offen und fair um die Zukunft streiten?