Vielheit für die Gesellschaft

Soll Integration gelingen, müssen Gesellschaft und Politik lernen, in neuen Strukturen zu denken

Vielheit Nachricht (c) Gebhardt Gruber/pixelio.de
Datum:
Di. 8. Mai 2018
Von:
Garnet Manecke
Mit dem Krieg in Syrien und dem Zuzug von geflüchteten Menschen nach Deutschland ist das Thema Integration wieder in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen und politischen Debatte gerückt. Aber was bedeutet Integration eigentlich, und wie kann sie funktionieren?
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In der Citykirche hat der Psychologe und Journalist Mark Terkessidis seine Ideen dafür vorgestellt.

152 geflüchtete Frauen, Männer und Kinder sind 2017 nach Mönchengladbach gekommen, obwohl in Syrien unverändert Krieg herrscht. Es ist nicht zu übersehen: Das Recht auf Asyl ist mit der Schließung von Europas Grenzen faktisch ausgehöhlt worden. Die meisten der 2015 geschaffenen Flüchtlingsunterkünfte sind leer, die früheren Bewohner leben in eigenen Wohnungen. Nun sollen sich die Geflüchteten in die Gesellschaft und die deutsche Kultur integrieren – die Frage ist: Wie? Mit Mark Terkessidis haben das Katholische Forum für Erwachsenen- und Familienbildung Mönchengladbach und Heinsberg und die Citykirche für ihre Reihe „Rund um den Kirchturm“ einen Referenten eingeladen, der diese Fragen nicht nur theoretisch behandelt. Terkessidis stammt aus einer Familie mit griechischen Wurzeln. Manches sieht auf den ersten Blick leicht aus. Schulpflichtige Kinder und Jugendliche zum Beispiel können dort neue Freunde finden und lernen etwas über die deutsche Kultur.

Die Sache hat nur einen Haken: Was die deutsche Kultur eigentlich ist, darüber bestehen unterschiedliche Meinungen. Fragt man den bayrischen Ministerpräsidenten, dann ist es das Kreuz an der Wand in Behörden. Aber prägen nicht auch die Menschen die deutsche Kultur, deren Großeltern und Urgroßeltern aus dem Ausland nach Deutschland eingewandert sind? Die Kinder, Enkel und Urenkel der türkischen, italienischen und spanischen Gastarbeiter der 1960er und 70er Jahre, die hier leben, lernen, studieren, arbeiten, die Politik aktiv gestalten und sich gesellschaftlich engagieren? Vorbehalte gegen Zuwanderung sind keine Entwicklung der Neuzeit. Mit dem Zuzug der Geflüchteten aber sind sie wieder lauter und heftiger geworden – besonders in den Regionen, in denen kaum Menschen mit Migrationshintergrund leben. „Alle haben eine Meinung dazu. Alle finden, dass alles immer schlechter wird“, hat Terkessidis festgestellt. „Aber es gibt nur wenige Leute, die sich damit auskennen.“

Die Zahlen für den Bevölkerungsanteil der Menschen mit Migrationshintergrund werden überschätzt. Das gilt vor allem für die Zahlen an Muslimen. „Und das ist die Gruppe, von der die Bedrohung ja angeblich ausgeht“, sagt Terkessidis. Das Gefühl vor dem Flüchtlingszustrom sei alles normal gewesen und jetzt alles unnormal, beherrscht die Debatte um Integration. Auch diejenigen, die sich engagiert haben, schauen mitunter ernüchtert auf die Situation. Wenn Geflüchtete sich nicht den Erwartungen entsprechend verhalten. Terkessidis nennt als Beispiel den Fall eines 19-jährigen Syrers, der dankbar seine Chance ergreifen soll, eifrig lernen und an seiner Zukunft arbeiten. Verhält sich der 19-Jährige aber so, wie es auch andere junge Männer in seinem Alter tun: lange schlafen, in den Tag hinein leben und sich mittelmäßig in der Schule engagieren, ist der Konflikt programmiert. „Dann funktioniert ,unser‘ Syrer nicht so, wie ein Syrer funktonieren sollte“, stellt Terkessidis fest. Am Ende habe der 19-Jährige nicht die Chance, sich wie andere in seinem Alter zu verhalten. „Das wird dann zum kulturellen Konflikt erklärt.“

 

„Wir“ sind in diesem Land die Richtigen, die Zugewanderten haben viele Defizite

Die Grundlage für dieses Missverständnis ist die Einstellung, die sich auch in der Willkommenskultur findet. Hier stehen „wir“, die aufnehmende Gesellschaft, die in diesem Land die „Richtigen“ sind. Auf der anderen Seite sind die Zugewanderten mit vielen Defiziten. Diese Haltung ist nicht neu, und sie ist den Beteiligten auch nicht immer bewusst. Aber sie hat große Folgen. Denn die politischen Integrationsmaßnahmen sind projektbasierte Maßnahmen, in denen die Zugewanderten isoliert ihre Defizite füllen sollen. Bis Deutschland 1998 auch offiziell zum Einwanderungsland wurde, war man in der Politik immer davon ausgegangen, dass die Ausländer eines Tages in ihre Heimat zurückgehen würden. Auch wenn die Realität spätestens seit dem Zuzug der „Gastarbeiter“ ab 1955 schon lange anders aussah. „Aber solange man davon ausging, mussten die damit zusammenhängenden Probleme nicht gelöst werden“, sagt Terkessidis.

Heute zeigt sich deutlich, dass die Gesellschaft heterogen ist. Die Strukturen in Schulen und Behörden tragen dem aber noch nicht Rechnung. Aber selbst wenn Integration gut gelungen zu sein scheint, gibt es Konflikte. „Menschen, die integriert sind, haben Ansprüche“, stellt Terkessidis klar. „Sie wollen mitgestalten.“ Um sich darauf vorzubereiten, müssen Gesellschaft und Politik in neuen Strukturen denken. „Wir brauchen einen Vielheitsplan für die nächsten 15 bis 20 Jahre, der den Gegebenheiten ständig angepasst wird“, schlägt der Psychologe vor. Dafür müsse auch über die Organisationskultur gesprochen werden. Spiegelt sich zum Beispiel beim Personal in den Verwaltungen die Struktur in der Bevölkerung wider? Als Beispiel nennt Terkessidis die Verhältnisse an Schulen in Problemvierteln mit hohem Migrationsanteil. „Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund spiegelt sich nicht im Lehrerzimmer wider“, sagt Terkessidis. „Die Lehrer kommen aus dem Bildungsbürgertum mit entsprechenden Vorurteilen und wohnen woanders. Hier sind die Lehrer die Parallelgesellschaft.“ Ähnliches geschieht in Unternehmen, bei der Polizei, in Schulen und anderen Institutionen. „Bei Vielheitsplänen geht es um Individuen mit unterschiedlichen Voraussetzungen“, sagt Terkessidis. Jeden einzelnen zu akzeptieren und ihm Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten auf der Grundlage des Grundgesetzes und möglichst ohne Vorurteile zu geben, ist die hohe Kunst für gelingende Integration.

Mark Terkessidis: Nach der Flucht. Neue Ideen für die Einwanderungsgesellschaft, 79 S., Reclam-Verlag, Ditzingen 2017, Preis: 6,– Euro.

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