Veränderung beginnt an der Basis

Die Ausstellung zu Maria 2.0 in der Aachener Fronleichnamskirche hat etwas angestoßen

(c) Andrea Thomas
Di 19. Nov 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 47/2019 | Andrea Thomas

Maria 2.0 löst etwas in vielen Gläubigen aus und bringt sie ins Gespräch. So war es auch in Aachen (und darüber hinaus), wo die Wanderausstellung der Münsteraner Künstlerin Lisa Kötter Station gemacht hat. Die Bilder wie das Begleitprogramm dazu waren Ausgangspunkt für einen Austausch über all das, womit Frauen (und Männer) in ihrer Kirche gerade massiv hadern.

Die Bilanz der Initiatorinnen aus den Pfarreien St. Josef und Fronleichnam (Aachen-Ost) und St. Severin (Eilendorf) sowie ihrer Kooperationspartner (Diözesan- und Regionalverband Aachen-Stadt der KFD, Frauenseelsorge Aachen-Stadt und  -Land, Katholikenrat Aachen-Stadt) fiel entsprechend positiv aus. Die Frauenbilder von Lisa Kötter seien sehr sprechend. „Ich habe die Porträts ,genossen‘, auch wenn deren Gesichtsausdruck damit wenig zu tun hat. Sie sollten Mahnung sein an Sehnsucht und erlittenes Leid“, fasst Leila Vannahme, ehrenamtlich engagiert in St. Josef und Fronleichnam und eine der Initiatorinnen, zusammen.

In den Gesichtern spiegele sich Leid, aber auch große Stärke, sagt Annette Jantzen, Frauenseelsorgerin in Aachen-Stadt und Aachen-Land. „Sie entfalten eine ganz eigene Wirkung, denn es sind keine anonymen Frauen, es gibt sie ja wirklich.“ Ein besonderer Moment war für sie der Filmabend, an dem sie den Film „Das Schweigen der Hirten“ gezeigt haben, den Film, den auch Lisa Kötter mit ihrer Gruppe geschaut habe und der die Initialzündung für Maria 2.0 gewesen sei. „Das hat auch hier in Aachen noch mal was ausgelöst. Es war ein Gewinn, noch einmal herauszuarbeiten: Es geht nicht darum, dass jemand auch mal Ämter übernehmen will, sondern um ein System, das fundamental falsch ist und den Missbrauch erst möglich gemacht hat.“ – „Das ist der Anfang für uns hier in Aachen“, ist auch Leila Vannahme überzeugt, denn bleiben wie bisher könne es nicht mehr.  

 

Das immer gleiche Spiel vom  Klammern an Macht und Privilegien

Eine Auffassung, die auch das „Kaffeehausgespräch“ zu Beginn unterstrich. In der Bücherinsel am Sankt-Josefs-Platz gingen Marie-Theres Jung, Vorsitzende des Diözesanverbands der KFD, Barbara Krause, emeritierte Professorin und Politikwissenschaftlerin der Katholischen Hochschule Aachen, Frank Kreß, Theologe und Mitglied im Kirchenvorstand von St. Josef und Fronleichnam sowie Hans-Georg Schornstein, Pfarrvikar in der GdG Aachen-Nordwest und Seelsorger bei „ansprechbar“ der Frage nach, was Maria 2.0 für die Region bedeutet. Moderiert wurde das Gespräch von Annette Jantzen.

Es geht um Macht und um hierarchische Strukturen, um eine Kirche, die nicht priesterzentriert sondern menschenzentriert sein soll, in der jede und jeder Getaufte sich in allen Bereichen gleichberechtigt einbringen kann. Für viele, die noch dabei sind, das wurde deutlich, ist es „fünf vor zwölf“. „Nach der Podiumsdiskussion zum Tag der Diakonin war uns als KFD klar: Wir müssen da dranbleiben. Gerade auch nach der Missbrauchsgeschichte, die viele auf die Straße getrieben hat, weil sie sagen: ,Ich kann das so nicht weiter ertragen‘“, schildert Marie-Theres Jung. Wie sehr das Menschen umtreibe, zeigten auch die Teilnehmerzahlen bei den verschiedenen Aktionen wie der Menschenkette um den Aachener Dom – und das seien nicht nur Frauen gewesen. 

Es muss sich etwas verändern, doch wenn sich an den Strukturen nichts ändere, „verändert sich gar nichts“, betonte Barbara Krause. Aus gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive sei es doch „immer das gleiche Spiel: das Klammern an Privilegien und Macht“. Etwas, womit wir eigentlich umgehen können müssten, siehe Wirtschaft und Politik. Zumal es in der Kirche dafür keine Argumente außer der Tradition gebe. „Die wird dann als Gegenthese zu dem genutzt, was Exegeten an Gründen liefern.“ 

Wer meine, sich auf Argumente aus der Bibel und auf Jesus berufen zu können, übersehe etwas, erklärt Hans-Georg Schornstein: „Dem Auferstandenen sind zuerst Frauen begegnet und haben den Verkündigungsauftrag bekommen.“ Und der beschränke sich nicht allein auf die Kommunionkatechese, wo Frauen sich ja erst einbringen dürften, seit es nicht mehr genug Priester gebe, die das übernehmen könnten. Er ist froh, dass es auch unter den Priestern inzwischen ein Aufbegehren und kritische Stimmen gebe, aber das müssten noch mehr werden. Maria 2.0 und das, was dahinter stecke, komme vor allem bei denen seiner Kollegen nicht an, die selbst keine Macht abgeben wollten. Priester zu werden, habe immer noch etwas mit einem „Ich bin jetzt wer“-Gefühl zu tun, stellte Frank Kreß bedauernd fest. 

Warum wolle jemand Priester werden – weil er Seelsorger sein wolle oder weil er leiten wolle? Nicht jeder wolle leiten, erklärte Marie-Theres Jung. „Nicht jeder, der eine Berufung hat, kann auch leiten“, ergänzte Hans-Georg Schornstein. „Aber man muss Priester sein, um leiten zu dürfen. Da läuft doch was schief.“  Die Seelsorge sei vielerorts zunehmend nicht mehr auffindbar, beklagte Barbara Krause. In der GdG Himmelsleiter habe es einen erfolgreichen, rein weiblichen Kurs „Altenseelsorge“ gegeben. „Sie machen, was früher karitative Aufgabe war, jetzt mit neu gewonnenen Dimensionen. Frauen sind längst in der Seelsorge. Sie handeln, ohne lange zu fragen, und tun, was sie als notwendig erachten.“ 

 

Vieles geht vor Ort, weil vieles nicht mehr wie früher möglich ist

Gemeinde lebe davon, dass bestimmte Aufgaben übernommen werden müssten, von denen einige vorgegeben und angebunden an Bistum und Kirche seien, erklärte Frank Kreß. „Eine aktive Gemeinde will niemanden geschickt bekommen, sondern jemanden finden, der zu ihr passt und der sich zum Dienst bei ihr berufen fühlt.“ Es gebe Gemeinden, die sehr engagiert ein anderes emanzipatorisches Kirchenbild lebten, aber es gebe keinen Austausch mehr. „Vielleicht merken die Bischöfe ja, dass Gemeinden, die sie vertreten, Gemeinde nicht mehr so verstehen wie sie.“

Gemeinde, das ist immer öfter auch Gemeinde ohne Priester. Worin, da war sich die Runde einig, auch eine Chance liegen könne. „Vieles geht, weil vieles nicht mehr möglich ist und so Freiräume entstehen“, stellte Barbara Krause fest. Wir müssten auch die diakonische Perspektive stärken, dadurch brächen Dinge auf und darüber, dass das Projekte seien, in den Hauptamtliche nicht vorgeben, sondern mitwirken. 

Auch das Publikum brachte sich aktiv mit ein: Was könne denn passieren, wenn wir als Gläubige einfach mal machten. Als Getaufte seien wir alle Priester und Priesterinnen. Die Menschen in den Gemeinden bräuchten nicht unbedingt Kleriker, sondern Ansprechpartner. – Kirche, wie sie jetzt sei, könne so nicht bleiben. Dafür müssten wir nicht alles über Bord werfen, aber Dinge ausprobieren und auch aushalten, denn mit Harmonie werde das nicht gehen. – Es gehe darum zu zeigen: „Wir sind nicht mehr bereit, das bestehende System mitzutragen.“ Gerade Frauen hätten da doch wenig zu verlieren, da sie eh nichts zu sagen hätten in Kirche.  Maria 2.0, so ein Fazit, heiße „Glauben leben“ und in die Diskussion miteinander kommen, positiv hinzuschauen, wo der Geist Gottes mit positiver Kraft wehe. Es müsse um Menschen gehen, egal wie Gemeinde und Gemeinschaft dann aussehe, nicht darum, die Kirche an sich zu retten.

Was muss sich ändern? Die Diskussion zur Ausstellung

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