Über Kontraste und Parallelen

Yeison Mosquera erzählt, wie er als kolumbianischer Stipendiat das Bistum Aachen und Deutschland erlebt

Wenn Welten aufeinandertreffen – Yeison Mosqueras Heimatstadt Quibdó in Kolumbien. (c) Yeison Mosquera
Di 8. Okt 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 41/2019 | Ann-Katrin Roscheck

„Wir sind gekommen, um ihn anzubeten!“ – Es ist das Jahr 2005, als Papst Benedikt XVI. unter dem Leitwort aus dem Matthäus-Evangelium zu etlichen Jugendlichen aus der ganzen Welt im Jubiläumsjahr des Weltjugendtages spricht. Auf der Abschlussmesse auf dem Marienfeld im Erzbistum Köln beten 1,1 Millionen junge Heranwachsende zusammen. Es ist die größte Messe in Deutschland, die bis zu diesem Zeitpunkt je stattgefunden hat. Mit schwarzen, wuscheligen Haaren, einem breiten, einnehmenden Lächeln und einem gefesselten Blick sitzt Yeison Mosquera zwischen ihnen und betet in seiner Landessprache.

Deutsche könnten sich mehr umarmen und in Kolumbien sollte Bildung kostenfrei sein, Bistumsstipendiat Yeison Mosquera stellt in Krefeld mit seinem charismatischen Humor Länderkontraste dar. (c) Ann-Katrin Roscheck

Der junge Kolumbianer ist damals 23 Jahre alt. „Und als ich dann im Bus auf dem Weg zum Flughafen saß, wusste ich, dass ich wiederkommen muss“, erzählt er in klarem Deutsch. „Dieses Land hat mich gepackt, es hatte eine unheimliche Sogwirkung auf mich.“ Inzwischen lebt der Kolumbianer bereits zum zweiten Mal für mehr als ein Jahr in Deutschland, von seiner Geschichte erzählt er bei einem Vortrag in Krefeld: Besuchte er 2007 für einen Freiwilligendienst eine Gemeinde in Saarbrücken, ist er heute Stipendiat des Bistums Aachen an der katholischen Hochschule und legt hier seinen Master in Sozialer Arbeit ab.

Ein großer Schritt, beschreibt der aufgeschlossene junge Mann, denn die Inhalte, die er hier sammelt, möchte er in seiner Heimat anderen zugänglich machen. „Ich würde schon gerne hierbleiben, aber meine Aufgabe ist einfach zu wichtig“, erklärt Mosquera. „Deutschland ist in so vielen Dingen weiter als Kolumbien. Ich habe die Verantwortung, da zu helfen.“ 

Mosqueras Heimat gehört zu den ärmsten Regionen Kolumbiens Der 37-Jährige stammt aus dem „Departamento del Chocó“, genauer aus der Hauptstadt Quibdó. Am Ufer des Rio Atrato gelegen, schließt der Landteil an den Regenwald an und stellt eine der niederschlagreichsten Regionen Kolumbiens dar. Im 17. Jahrhundert wurde die Stadt dem Franziskanerorden geschenkt, noch heute ist sie dem heiligen Franz von Assisi geweiht. Quibdó gehört zu den ärmsten Städten Kolumbiens: Viele der rund 116 000 Einwohner sind von Arbeitslosigkeit betroffen, leiden an Unterernährung oder medizinischer Unterversorgung. „Zwar gibt es eine Schulstruktur und auch Universitäten, aber der Besuch ist immer kostenpflichtig“, sagt der Sozialarbeiter. „Zugang zu Bildung sollte jedem ermöglicht werden. Sonst ist aus der Spirale kein Entkommen.“

Dabei ist der Anspruch, eigene Geschichte zu schreiben, groß: Denn die vorherrschende Bevölkerungsgruppe ist durch die afrokolumbianische Kultur geprägt. „Unsere Sklaven-geschichte lenkt uns immer noch“, erklärt der Kolumbianer. „Wir möchten etwas aus uns machen. Wir möchten herausragen.“  Mosquera ist auf einem guten Weg: Nach dem Erlangen seines Diploms findet er Arbeit als Sozialarbeiter. Er hilft in  einem Kinderheim, arbeitet in einem Projekt für Gewaltprävention rund um Kindersoldaten und unterstützt die Schwangerschafts- und Neugeborenenberatung. „Den Umgang mit Sexualität bewundere ich hier in Deutschland. Das ist eine Sache, die ich mit nach Kolumbien nehmen möchte“, beschreibt Mosquera. Er selbst stammt aus einer sehr katholischen Familie, und auch in der Nachbarschaft und auf dem Land prägt der Glaube die  Menschen. Weder in der Familie noch in der Schule findet die Aufklärung Raum. „Aber irgendwo muss es als Jugendlicher die Möglichkeit geben, zu experimentieren und auch über die eigene Sexualität zu sprechen“, regt der Sozialarbeiter an. „Sonst geht das schief.“

Im Durchschnitt, so erzählt Mosquera, heiraten die Mädchen mit rund 20 Jahren und verlassen die Familie erst dann. Ob junge Frau oder junger Mann: Allein zu wohnen, gehört hier nicht zum guten Ton. „Als ich zum ersten Mal aus Deutschland wiederkam und die Vorzüge einer eigenen Wohnung genossen hatte, stieß ich bei meiner Familie auf taube Ohren“, sagt der Stipendiat und lacht. „Aber als Unverheirateter und kinderlos bin ich mit 37 Jahren sowieso der Außenseiter.“ Die Familienverbundenheit ist dafür eine Eigenschaft, von der sich die deutsche Kultur einiges abschauen könnte: Jeder gibt aufeinander acht, sorgt und kümmert sich und hilft, wenn ein Familienmitglied in Not gerät. „Und Familie bedeutet, dass wir jedem helfen, den wir einmal gesehen haben“, erzählt Mosquera weiter und sein breites Lächeln öffnet sich: „Wenn du einmal bei uns zu Besuch bist, dann bist du immer willkommen. Unsere Türen stehen nicht nur bildlich immer offen, sie sind tatsächlich zu jeder Tageszeit für Besuch geöffnet. Das fehlt mir hier.“

 

Das Gemeindeleben als Raum der  Zusammenführung

Dabei hat Yeison Mosquera eine Art Familienersatz gefunden: Als er 2007 in Saarbrücken lebt, lernt er die Gemeinde gut kennen: Er ist Mitglied des Chores, hilft bei den Pfadfindern, übernimmt den Messdienerposten im Gottesdienst und ist immer da, wo Not am Mann ist. Hier erlebt er auch sein erstes Weihnachtsfest weit weg von der leiblichen Familie: In seiner Gemeinde in Quibdó ist der Dezember ein außergewöhnlicher Monat. Traditionell feiert die Gemeinschaft vom 16. bis zum 24. Dezember die „Novena de Aguinaldos“ (auf Deutsch: Novene der Weihnachtsgaben). An neun Tagen werden täglich Gebete gesprochen und Lieder gesungen, die von der Geburt Jesu handeln, auch finden Bibelreflexionen statt. „Das ist eine intensive Zeit“, beschreibt der Kolumbianer. Wenn dann der Heilige Abend erreicht ist, beginnt ein großes Fest. „Wir tanzen, wir lachen laut, wir essen viel. Ausgelassenheit mit der Familie steht im Vordergrund“, erzählt Mosquera weiter und grinst erneut: „Hast du in Deutschland schon einmal jemanden an Weihnachten tanzen gesehen?“

Der Sozialarbeiter liebt diese Tradition: Zu seinem Glauben und seiner Religiosität gehöre diese Art zu feiern dazu, sagt er, sie vermittele ein besonderes Gefühl der Gemeinschaft. „Das ist auch beim Tod eines Menschen so. Auch hier kommen wir zusammen und denken neun Nächte an den Verstorbenen“, sagt der 37-Jährige. „Wir beten, aber wir spielen auch zusammen. Wir trinken und rauchen. In unserer Trauer sind wir so nicht allein.“ 

Einen Teil der Kultur versucht er nach Deutschland zu übertragen, denn die Offenheit für Begegnungen, auch im Glauben, vermisst Mosquera. Es sei immer wieder schwer für ihn, Freundschaften zu knüpfen. Das liegt daran, so glaubt er, dass in Deutschland sich viele Menschen schwertun würden, zu vertrauen. „Vielleicht ist das auch in der historischen Geschichte des Landes begründet, aber auch mein Heimatland hat eine Geschichte“, sagt er. „Ich wünsche mir, dass wir einfach ab der ersten Begegnung offen füreinander sind. Skepsis und Bedenken können ja sein, aber dann erst in einem nachfolgenden Schritt.“ Körperkontakt kann dafür ein Anfang sein, meint der  37-Jährige: „Vom förmlichen Händedruck werde ich nie ein Fan werden. Mit einer ehrlichen Umarmung aber vermittle ich viel mehr. Ich kann zeigen: ‚Hallo, wie schön, dass du da bist!‘“.