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Radikal aus der Spur

Interaktives Theater sensibilisiert für die Gefahr durch Verführer

Interaktives Theater_Kopftuch_Nachricht (c) Heike Eisenmenger
Interaktives Theater_Kopftuch_Nachricht
Datum:
Di. 20. Sep. 2016
Von:
Heike Eisenmenger
Das Wort „Bruder“ hat für Paul jede Bedeutung verloren, die Verführer der IS-Terror- organisation haben ganze Arbeit geleistet. Unfähig, auf Argumente einzugehen, drischt er mit wutverzerrtem Gesicht auf Cem ein. Cem, den Paul von klein auf kennt, der sein bester Freund, sein Bruder im Herzen, ist.
Interaktives Theater_Kampf_Quadratisch (c) Heike Eisenmenger
Interaktives Theater_Kampf_Quadratisch

Gemeinsam wollten sie als Gangster-Rapper Karriere machen. Doch jetzt träumt Paul vom Dschihad. Er, der früher Christ war und sich für Religion nicht interessierte, ist nun ein fanatischer Islamist. Es gelingt ihm anfangs, auch seine Freundin Johanna für seine neue Gesinnung zu begeistern. Sie, die Tochter aus gutem Haus, ist sogar bereit, eine Burka zu tragen. Kritisch wird es, als Paul als Gotteskrieger nach Syrien will, um dort „seine Brüder und Schwestern zu rächen“. Paul will so viele Ungläubige töten, wie nur möglich und ist bereit, den Märtyrertod sterben. Johanna erkennt: Das ist kein Spaß mehr. Es wird keine Zukunft für sie beide geben, wenn Paul das durchzieht. Die Nackenhaare stellen sich auf, als Paul romantisch verklärt vom Märtyrertod erzählt oder als er mit Fäusten auf Cem losgeht, der ihn von diesem Wahnsinn abbringen will.

Auch wenn Paul, Cem und Johanna Schauspieler in einem interaktiven Theaterstück sind, so sind radikalisierte Jugendliche in Deutschland traurige Realität. „Jungfrau ohne Paradies“ heißt das Theaterstück. Christian Müller (Paul), Levent Özdil (Cem) und Alessandra Ehrlich (Johanna) spielen ihre Rollen mit einer beeindruckenden physischen wie psychischen Intensivität. Bereits nach wenigen Minuten sind die jungen Zuschauer, die der Kleinen Offenen Tür St. Josef auf dem Donnerberg eingefunden haben, mittendrin im Geschehen. „Jungfrau ohne Paradies“ ist eine Produktion des Künstlernetzwerks New Limes und des Vereins „WIR!“ in Kooperation mit dem Polizeipräsidium Aalen. Zielgruppe sind Jugendliche ab 14 Jahren.

 

Gefordert, sich eine eigene Meinung zu bilden

Durch die Interaktion mit den Schauspielern werden die jungen Zuschauer, die die Ganztagshauptschule Kogelshäuserstraße und die Jugendberufshilfe Stolberg besuchen, dazu animiert, sich mit den Charakteren auseinanderzusetzen. Aber vor allem werden sie gefordert, sich eine Meinung zu bilden, Für und Wider abzuwägen. Ziel der Produktion ist es, junge Menschen für die Gefahren, die von Extremismus ausgehen, zu sensibilisieren. Ihnen klar zu machen, was eigentlich hinter den wohlklingen Parolen steckt. Wenn Töten ein normaler Gedanke wird Cem ist zwar als Moslem aufgewachsen, aber als Gotteskrieger sein Leben zu lassen und Unschuldige mit in den Tod zu reißen, ist für ihn undenkbar. Fassungslos steht er vor den Jugendlichen und fragt sie, was er tun könne, um Paul davon abzuhalten, nach Syrien zu reisen. „Spätestens nach zwei Wochen ist der Kanonenfutter!“ Im Gegensatz zu Paul hat Cem verstanden, dass es hier um Radikalisierung geht. Religion wird als Deckmantel missbraucht. Die Heranwachsenden werden damit konfrontiert, wie ein junger Mensch innerhalb weniger Monate komplett aus der Spur gerät. Sie erleben mit, wie es für Paul der Gedanke zunehmend Normalität wird, schon bald Menschen umzubringen. Es gibt für ihn nur noch Schwarz oder Weiß. „Warum tut er das?“, wendet sich Cem entsetzt an die Zuschauer. „Der guckt sich wochenlang nur noch diese komischen Videos an. Da werden Menschen getötet. Habt ihr solche Videos auch schon gesehen?“ Hände schießen in die Höhe. „Ein Mann wurde aus einem Hubschrauber geschubst. Als der unten ankam, gab es eine Explosion. Die hatten ihm eine Bombe umgebunden“, berichtet ein Junge. „Ich kann das gar nicht ansehen, da wird man ganz schlecht“, sagt Cem. „Das Video war nicht echt!“, meint ein Mädchen.

Das Konzept des interaktiven Theaterstücks greift. „Paul hat sich diese Videos immer wieder angeschaut. Am Anfang ist das noch schlimm“, so Cem. Einige nicken. „Wenn man es noch mal gesehen hat, ist es nicht mehr ganz so schlimm und irgendwann ist es normal, dass Köpfe abgeschnitten werden.“ Die Verführer, die Anwerber, sind erbarmungslos, sie warten nur auf den richtigen Moment – ihre Opfer sind Jugendliche, die auf der Suche nach sich selbst sind, keinen echten Halt haben. So wie Paul, der überzeugt davon ist, beruflich wie gesellschaftlich als Versager zu enden. Obendrein ist seine familiäre Situation schwierig. Statt in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, will er lieber untergehen. Aber mit einem lautem Knall. Man merkt es an den Reaktionen der rund 80 Jugendlichen, dass sie seine Ängste nachvollziehen können. Unschuldige Menschen umzubringen, das finden sie nicht akzeptabel.

 

Einfache Antworten auf schwierige Fragen

Die Theatergruppe tourt im Kampf gegen den Extremismus durch ganz Deutschland. Es geht um Respekt, Toleranz und Selbstbestimmung. Wenngleich bei dieser Produktion die fanatische Ideologie des IS-Staates aufgegriffen wird, könnte ebenso Rechtsextremismus das Thema sein. „Die Jugendlichen haben komplexe Fragen zum Leben, sie sind noch auf der Suche nach sich selbst und werden mit Lagerfeuerromantik geködert“, sagt Jörg Beißel, Leiter der KOT St. Josef der katholischen Kirchengemeinde von St. Lucia auf dem Donnerberg. „Es wird ihnen gesagt: Wir sind für Dich da; Du kannst mit all Deinen Problemen zu uns kommen, wir nehmen Dich und Deine Sorgen ernst. Außerdem geben sie einfache Antworten auf schwierige Fragen“, beschreibt der Leiter die Methoden der Anwerber. Fatal sei, dass die Jugendlichen in der Phase des Heranwachsens, der Selbstfindung, oft nicht genug Zeit für sich hätten. „Die Kinder stehen total unter Strom. Schule ist wichtig, keine Frage, aber zum Erwachsenwerden gehört auch, Fehler machen zu dürfen. Es darf auch mal was in die Bohnen geben. Dafür gibt es aber keine Sechs, sondern man gewinnt an Lebenserfahrung.“ Erwachsen zu werden bedeutet auch die Fähigkeit zu besitzen, das eigene Tun zu reflektieren und argumentieren zu können. „Als ich 14 Jahre alt war, habe ich die KOT St. Josef für mich entdeckt, dafür danke ich Gott“, sagt Beißel.

Das Theaterspiel nähert sich seinem Höhepunkt: Paul will, dass Cem mit nach Syrien kommt. Cem hält dagegen. Aber vor allem will er um das Leben von Paul kämpfen. Johanna ist sogar bereit, Paul bei der Polizei anzuzeigen, um ihn vom Dschihad abzuhalten. Nicht ein einziger Schüler hält es für eine gute Idee, die Polizei einzuschalten – das fällt auf. „Erzählt es seiner Familie“ oder „Rede noch mal mit ihm“, raten die meisten. „Jungfrau ohne Paradies“ endet damit, dass Paul die Flugtickets nach Syrien zerreißt und zur Besinnung kommt. Im wahren Leben gibt es selten ein Happy End.

 

 

Interaktives Thater_Beißel_Original (c) Heike Eisenmenger
Interaktives Theater_Kopftuch_Quadratisch (c) Heike Eisenmenger
interaktives Theater (c) Heike Eisenmenger