Nicht im Regen stehen lassen

Die Situation der kirchlichen Arbeitsloseninitiativen ist angespannt. Das Bistum hilft unbürokratisch

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Datum:
Mi 11. Nov 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 46/2020 | Andrea Thomas

Für viele Menschen geht es in diesen Tagen des Teil-Lockdowns um ihre berufliche Existenz. Andere haben die schon vor langer Zeit verloren. Ihnen wieder eine Perspektive im Leben zu geben, dafür setzen sich die kirchlichen Arbeitsloseninitiativen im Bistum Aachen und deren Träger ein. Doch für sie ist die Situation durch die Pandemie ebenfalls schwieriger geworden, nicht zuletzt auch wirtschaftlich.

Dem ersten Lockdown im Frühjahr ist vieles zum Opfer gefallen, was für Menschen ohne Erwerbsarbeit wichtig ist und für das die Initiativen mit ihren Angeboten und Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten stehen: Tagesstruktur, eine sinnstiftende Aufgabe, Kontakte, Rat und Hilfe und ein Ort, an dem man sie und ihre Situation ernst nimmt und sie unterstützt. Lockdown hat für viele Erwerbslose bedeutet, zuhause sitzen zu müssen, ohne sinnvolle Beschäftigung, dafür mit wachsenden Existenzsorgen und steigendem Stresspegel in der Familie und ohne Hilfe und Beratung durch das ebenfalls geschlossene Job-Center. Die Treffs und Arbeitslosenfrühstücke der Initiativen durften nicht stattfinden, Beratungsangebote waren nur per Telefon oder online möglich. „Arbeitslosigkeit macht einsam“: Besser als das Motto der diesjährigen Solidaritätskollekte lässt es sich wohl kaum auf den Punkt bringen.


Menschen wollen unter Menschen sein

Unter der Situation haben auch die Initiativen gelitten, die ihre Arbeit nicht so machen konnten, wie sie wollten. Über den Sommer haben sie mit viel Einfallsreichtum und Engagement Wege entwickelt, einige ihrer Angebote unter Abstands- und Hygienevorgaben wieder öffnen zu können. Vor einem guten Monat hätten sie ihr Arbeitslosenfrühstück wieder aufgegriffen, statt in kleinen Gruppen alle an einem langen Tisch mit den entsprechenden Abständen, berichtet Matthias Merbecks, Geschäftsführer des Volksvereins Mönchengladbach und einer der Sprecher des Koordinierungskreises kirchlicher Arbeitsloseninitiativen im Bistum Aachen. Das sei besser als nichts, denn „Menschen wollen unter Menschen sein“.

So sieht das auch Manfred Körber, Leiter des Herzogenrather Nell-Breuning-Hauses und wie Merbecks Sprecher des Ko-Kreises. Auch in der Arbeitslosenbildung hätten sie viel absagen müssen und schauten nun, was in der aktuellen Situation möglich ist. „Ob Arbeitslosenseminare, Oasentage oder Familienseminare: Die Nach-frage, nach allem, was Austausch und Begegnung ermöglicht, ist enorm“, sagt Kristina Hamm, Referentin für Arbeitslosenarbeit beim Bistum und Geschäftsführerin des Ko-Kreises. Die Schwierigkeit der Arbeitsloseninitiativen sei, zu erleben, wie sehr ihre Klienten das brauchen, es aber nicht umsetzen zu können. „Die Leute kommen zum Beispiel in die Gebrauchtwarenläden, dürfen sich dort aber nicht hinsetzen. Doch gerade das macht den Unterschied, nicht nur Verkauf, sondern auch Treffpunkt zu sein.“

Was alle im Ko-Kreis organisierten Initiativen eine, betonen dessen Sprecher, sei die Haltung zu den Menschen in Erwerbslosigkeit und dass diese nicht zum ersten Verlierer der Krise werden dürfen. Das gelte es abzufangen, damit die, die sonst nichts haben, weiter bei ihnen andocken können. Was für einzelne Träger und ihre Projekte in den vergangenen Monaten nicht einfach war und es in Zukunft auch nicht werden wird, denn Lockdown und Einschränkungen bedeuten auch für sie finanzielle Engpässe.

„Gerade die, die im Dienstleistungsbereich oder Verkauf tätig sind, haben das im ersten Lockdown schon stark gespürt“, schildert Kathrin Henneberger, Referentin für Arbeits- und Betriebspastoral im Generalvikariat, ihre Wahrnehmung. Denn obwohl die Projekte geschlossen waren, seien Mieten und Gehälter ja weiter angefallen. Viele Angebote seien zudem projektfinanziert und auch die diesjährige Solidaritätskollekte Anfang Mai sei – da noch kaum Gottesdienste stattfinden konnten – geringer ausgefallen als in den Vorjahren. Viele Initiativen hätten in der Situation verstärkt auf Ehrenamtliche zurückgegriffen, um ihre Kosten zu senken, berichtet Manfred Körber. „Die Kosten laufen weiter. Das holt man nicht auf übers Jahr“, bestätigt Matthias Merbecks. Hinzu komme: Wenn das Job-Center nicht arbeite, schickten sie niemanden in die Maßnahmen, die Teilnehmerzahlen gingen zurück und damit auch die Mittel, die die Initiativen für deren Qualifizierung erhalten. Auch wollten sie ihre festangestellten Mitarbeiter, wie Sozialarbeiter und Arbeitsanleiter, die gute Arbeit leisteten, gut durch die Krise bringen. Gleiches gilt für Langzeitarbeitslose, die sie als förderungspflichtige Beschäftigte einstellen. „Wenn wir es nicht tun, wer denn dann?“, sagt Matthias Merbecks. 


Zusätzliche Mittel für den Soli-Fonds

Mit der Pandemie sind auch die Spenden, auf die die Erwerbslosenarbeit angewiesen ist, stark zurückgegangen. „Mit der Soli-Kollekte sind wir in diesem Jahr kalt erwischt worden“, sagt Manfred Körber. Und auch regionale Solidaritätsaktionen, konnten nicht wie gewohnt stattfinden. Das gelte es irgendwie aufzufangen. Matthias Merbecks nennt ein weiteres Beispiel: „Wir bekommen unter anderem Spenden aus Bußgeldern. Die Gerichte arbeiten aber gerade nicht so wie sonst.“

Das Bistum hat versucht, unbürokratisch und kurzfristig zu helfen, um das Härteste abzufedern und unter anderem Bistumsmittel umgeschichtet, wie Kathrin Henneberger berichtet. „Außerdem hat der Kirchensteuerrat zusätzliche Gelder aus dem Jahresabschluss 2019 für den Solidaritätsfonds zur Verfügung gestellt. Damit gelinge es hoffentlich, die wichtige Arbeit der Initiativen zu stärken, damit sie einigermaßen heil durch die Krise kommen.“ Eine Unterstützung, für die man im Ko-Kreis dankbar ist. „Das bietet die Möglichkeit, den Initiativen und Beschäftigten etwas mehr Sicherheit zu geben“, erklärt Kristina Hamm. Denn, darin sind sie sich alle einig, Angebote, die jetzt schließen oder eingestellt werden müssen, werden nicht wieder aktiviert werden. „Es ist wichtig, dass wir uns auch weiter unser Profil erlauben können. Was die Träger ausmacht ist meist das Mehr, das angeboten wird.“ Als Beispiel nennt Manfred Körber die Beratung, „Die hat auch eine pastorale Qualität und lebt von der Begleitung. Dafür braucht es aber auch eine eigene Finanzausstattung.“

Die wird es auch brauchen, um heil durch die Zukunft zu kommen, um Menschen ohne Arbeit in der aktuellen Situation und darüber hinaus „nicht im Regen stehen zu lassen“. Zu den Langzeitarbeitslosen werden diejenigen kommen, die durch die Pandemie ihre berufliche Existenz verlieren. Auch sie werden – zwar in anderem Maße – Anlaufstellen brauchen, da, wo staatliche Stellen schließen oder ins Homeoffice ausweichen. Ideen sind da, zum Beispiel für Selbsthilfe-Angebote. Auch würden die Initiativen gerne ihre Klienten dabei beteiligen zu sehen, wie Arbeit und Qualifizierung in Zeiten von Abstandhalten und Schutzverordnungen gehen kann. Doch dafür braucht es Räume und zusätzliche Kräfte, beispielsweise für Beratung, und dafür wiederum Geld. „Gesellschaft muss für alle funktionieren, wenn uns das nicht gelingt, wird das hohe gesellschaftliche Folgekosten haben“, mahnt Matthias Merbecks. Manfred Körber ergänzt: „Das ist eine Frage von Gerechtigkeit.“

Die Arbeit der Arbeitsloseninitiativen

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