Liebt einander!

Der BDKJ im Bistum Aachen setzt sich kritisch mit der katholischen Sexuallehre auseinander

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Di 10. Sep 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 37/2019 | Thomas Hohenschue

Auf kaum einem Gebiet des menschlichen Miteinanders ist der Bedeutungsverlust der katholischen Kirche so sehr spürbar wie bei der Frage von Empfängnisverhütung und vorehelichem Geschlechtsverkehr. Selbst die eigenen Mitglieder scheren sich zu 90 Prozent nicht um die tradierten Normen. Dies belegen aktuelle Studien. Der BDKJ im Bistum Aachen nimmt dies zum Anlass, die katholische Sexuallehre kritisch zu hinterfragen. Er möchte darüber konstruktiv mit Jugendlichen und Verantwortlichen reden.

Sehen viel Gesprächsbedarf rund um die katholische Sexuallehre: Benedikt Patzelt und Mirjam Tannenbaum machen mit einer Argumentationshilfe einen ersten Aufschlag, darüber im Bistum zu reden. (c) Thomas Hohenschue

Es gibt einfachere Pressetermine. Benedikt Patzelt weiß um die Klippen, die das sensible Thema in sich birgt. Der Theologe ist Diözesanvorsitzender des hiesigen Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Über die angeschlossenen Verbände erreicht dieser Dachverband allein im Bistum Aachen mehrere zehntausend Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Denen gibt der BDKJ nun eine regenbogenfarbene Broschüre in die Hand, zum Umgang mit der kirchlichen Sexuallehre. Sie lässt an Klarheit wenig vermissen. Es ist einer dieser Momente im Berufsleben, wo es heißt: „Hier stehe ich, und ich kann nicht anders.“ Mit Mut den eigenen Standpunkt begründen, um darüber in ein konstruktives Gespräch zu gehen, ist Patzelts Haltung und Wunsch. Und das tut er in diesem Moment, im Gespräch mit Journalisten, und er weiß, dass er zugleich damit in den Konflikt mit Christen und mit Klerikern geht, die anders zu dem Thema stehen.

„Die Kluft zwischen katholischer Lehre und der Lebenswirklichkeit junger Menschen klafft meilenweit auseinander,“ sagt er eröffnend. Und diese Lücke möchte er im Dialog schließen, der Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft der Kirche zuliebe. Man tüftelt im Moment mit den Machern des Bistumsprozesses an Formaten, die Sichtweise von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen verstärkt in „Heute bei dir“ einzuspeisen. Wie weit aber das Thema Sexualität tatsächlich im Bistum besprochen wird, steht noch in den Sternen. Je nach Sichtweise gehört es eher auf die Bundesebene, in die Beratungen auf dem synodalen Weg, oder gleich auf die Ebene der Weltkirche.

 

Viele Vorschriften werden als übergriffig empfunden.

Benedikt Patzelt

 

Damit allerdings ist beim BDKJ niemand zufrieden. Während man bei den Themen Empfängnisverhütung und vorehelichem Geschlechtsverkehr noch sagen könnte, „was soll’s, kümmert eh’ niemanden“, ist das beim dritten großen Thema nicht der Fall. Dieses ist der kirchliche Umgang mit Homosexualität. Und hier verträgt die Aktualisierung der Normen in den Augen von Benedikt Patzelt keinen weiteren Aufschub, kein Wegducken, kein Wegdelegieren.

„Leider leiden immer noch viele Menschen darunter, wie die Kirche ihre Sexualität beschreibt und bewertet“, sagt der Vorsitzende. „Sie fühlen sich von der katholischen Kirche nicht akzeptiert, sie fühlen sich ausgegrenzt“ – und das, obwohl sie Mitglieder sind, oft zutiefst gläubig, und die Nähe zu Gott in der Gemeinschaft suchen. Die Antwort, dass man hier doch im Einzelfall pastorale Lösungen vor Ort finden solle, stellt Patzelt nicht zufrieden.

Strukturelle Lösungen müssten her, es dürfe keine Frage der Barmherzigkeit einzelner Priester sein, ob gleichgeschlechtlich liebende Menschen die heilige Kommunion empfangen dürften oder nicht. Damit sei man der individuellen Haltung des jeweiligen Geistlichen zum Thema ausgeliefert. Zu welchen willkürlichen, zuweilen entwürdigenden Situationen eine solche Regelung führt, lässt sich beim Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen beobachten. Und genau wie bei diesen geht die Ausgrenzung von Homosexuellen weiter. „Wer bei einem kirchlichen Träger arbeiten möchte, darf seine Liebe nicht offen leben“, kritisiert Patzelt. Wie die katholische Sexuallehre gleichgeschlechtlichen Paaren gegenüberträte, reduziere sie deren Liebespartnerschaft auf die sexuelle Komponente. Und wohlfeil diese Liebe anzuerkennen, aber den Vollzug des Geschlechtsverkehrs zu untersagen, sei übergriffig und unmenschlich, findet der Theologe deutliche Worte. Das Ausleben von Sexualität sei unabhängig von der geschlechtlichen Orientierung ein Menschenrecht und ein Grundbedürfnis, das wissenschaftlich nachgewiesen sei und zu einem gesunden Beziehungsleben gehöre.

 

Statt lebensfremder Ver- und Gebote soll die Kirche eine Beziehungsethik anbieten

Für manchen Verantwortlichen und auch für einige Christen dürften diese Feststellungen und Forderungen schwere Kost sein. Dessen sind sich Benedikt Patzelt und seine Mitstreiter vom Aachener BDKJ bewusst. Zu diesen gehört auch Mirjam Tannenbaum. Sie ist Referentin für Kinder- und Jugendtheologie, hat maßgeblich an der Argumentationshilfe gearbeitet und sagt: „Die Kirche muss die Basis ihrer Argumentation ändern, diese ist nicht mehr zeitgemäß.“

Das Naturrecht gehe davon aus, dass Gott gewisse Gesetzmäßigkeiten in die Natur eingewebt habe. Was daraus allerdings für das Zusammenleben der Menschen abgeleitet wird, unterliege der Interpretation durch Menschen. Und da habe sich über die Jahrtausende etwas weiterentwickelt, sagt Tannenbaum. Im Licht der modernen Erkenntnisse aus den Human- und Naturwissenschaften hätten manche Schlussfolgerungen, die sich in der tradierten Sexuallehre der katholischen Kirche finden, keinen Bestand mehr. Das starre System müsse fortgeschrieben werden.

Benedikt Patzelt ergänzt, es gehe darum, überhaupt noch wahrgenommen und ernstgenommen zu werden. Wenn die Menschen die Kirche in den Fragen der Sexualität weiter nicht als Ansprechpartnerin und Wegbegleiterin erleben, werde sich das auf immer mehr Bereiche des Zusammenlebens übertragen, vermutet der Diözesanvorsitzende. Statt lebensfremder und übergriffiger Verbote und Gebote erwartet Patzelt von der Kirche ein anderes Angebot.

„Die Menschen suchen bei der Kirche Orientierung. In diesem Sinne ist es an der Zeit für eine kirchliche Beziehungsethik.“ Mehr als erste Stichworte fallen ihm dazu im Gespräch spontan nicht ein. Umso bedeutsamer das Anliegen, das der BDKJ in die Zukunftsdiskussion im Bistum Aachen einbringen möchte: Lasst uns auch hier vor Ort, in unserer Diözese, über die Fragen der jungen Menschen reden. Und klammern wir dabei nicht von vornherein die Fragen der Sexualität aus. Es gibt viel zu bereden – tun wir’s einfach.

Die Broschüre „Liebt einander“ kann unter www.bdkj-aachen.de heruntergeladen werden.