In Zwiespalt und Zwickmühle

Wo die Kirche in der Liturgie und bei den Sakramenten als unbarmherzig wahrgenommen wird

Barmherzige Kirche (c) karrenbrock/pixelio.de
Datum:
Mi 27. Apr 2016
Von:
Andrea Thomas
Barmherzigkeit – eines, wenn nicht das Wort des Jahres in der katholischen Kirche. Doch nicht immer empfinden Gläubige ihre Kirche im Alltag als barmherzig. Besonders in Liturgie und Sakramenten gibt es immer wieder Reibungspunkte bis hin zu Enttäuschungen, die tief gehen.
Kommunion (c) karrenbrock/pixelio.de

Andrea Kett kennt die ganze Bandbreite aus ihrer Arbeit im Fachbereich Verkündigung des Generalvikariats. Und den Zwiespalt, der damit verbunden ist. „Wenn Menschen sagen, da ist die Kirche aber unbarmherzig, dann ist das immer die Frage: die Kirche als Institution oder die Menschen in der Kirche?“, sagt sie. Oft entstehe das Gefühl einer wenig barmherzigen Kirche aus einem Mangel an Information. In vielen Bereichen gebe es kirchenrechtliche Vorgaben, die sich nicht umgehen ließen. Das gilt zum Beispiel für den Ort, an dem ein Sakrament gespendet werden darf. Immer mal wieder möchte ein Paar gerne an einem ungewöhnlichen Ort kirchlich heiraten. Wie das Paar, das sich über das gemeinsame Hobby Reiten kennen und lieben gelernt hat und sich deshalb die kirchliche Trauung auf der Weide gewünscht hat. Was so nicht gehe, wie Andrea Kett erklärt, da eine kirchliche Trauung mit der Spende des Ehesakraments nur in einem Kirchenraum erlaubt ist.

Für Ärger sorgt auch, wenn ein Pfarrer einen Taufpaten ablehnt, weil der nicht gefirmt ist. Vielen sei gar nicht mehr bewusst, dass das aneinander gekoppelt sei. „Erklärt man dann, was Patenschaft bedeutet, nämlich Mitverantwortung für die religiöse Erziehung und dass es dazu wichtig ist, dass die Paten ,firm‘ sind im Glauben, leuchtet das vielen ein.“
Bei anderen geht das Gefühl der Ablehnung tiefer, wie in einem Fall, bei dem es nicht direkt um Liturgie oder Sakramente ging, der aber das Kernproblem deutlich macht: Eltern wollen ihr Kind an einer bischöflichen Schule einschulen. Das Kind wird jedoch abgelehnt, weil ein Elternteil aus der Kirche ausgetreten ist. Formal und aus Sicht der Schule eine durchaus vertretbare Entscheidung, die jedoch auf Unverständnis bei den Betroffenen stieß. Deren persönliche Vorgeschichte, die zu dem Austritt geführt hatte, blieb dabei ebenso unberücksichtigt wie die Tatsache, dass der Glaube an Gott dennoch eine wichtige Rolle in ihrem Leben einnahm. „Das ist immer auch eine Frage der Kommunikation. Da sind in jedem Fall persönliche Gefühle und Empfindungen im Spiel, die ernstgenommen werden müssen“, sagt Kett. Es ist der Zwiespalt zwischen Kirchenrecht, Regeln und Vorgaben und dem Leben der Menschen. Hier sind sowohl die Kirche als Institution als auch die Menschen, die für diese Kirche stehen, gefragt, einen barmherzigeren Umgang mit den Menschen zu finden.


Recht ist abstrakt, Barmherzigkeit konkret

Damit ist auch Domvikar Gregor Huben immer wieder konfrontiert. Er ist Offizial des Bistums Aachen, aber auch Pfarrer in der Aachener Pfarrei St. Severin. „Gott ist sowohl der Gerechte als auch der Barmherzige. Dieses Spannungsfeld müssen wir immer wieder neu ausloten.“ Besonders schwierig ist das – trotz des nachsynodalen Schreibens „Amoris laetitia“, mit dem Papst Franziskus bei vielen neue Hoffnung weckt – im Umgang der Kirche mit gescheiterten Ehen und wiederverheirateten Geschiedenen. Die Verletzungen und Ausgrenzungen, die die Menschen erfahren, gehen zumeist tief.

Scheitere eine Ehe, sei das sehr belastend für die Menschen, sagt Pfarrer Hans-Georg Schornstein, der das Aachener Gesprächsangebot „Ansprechbar“ betreut. „Sie tun sich oft schwer, in den Gottesdienst zu gehen. Da brechen dann gerade in der Eucharistie Wunden wieder auf.“ Es stecke viel Bedauern und auch Schuldgefühle in den Menschen, die sie verarbeiten müssten. Da helfe weder eine verurteilende Kirche noch eine, die alles verzeihe. „Der Mensch will ernstgenommen werden. Schuld darf nicht einfach wegbagatellisiert werden, aber es muss auch ein neuer Anfang ermöglicht werden“, sagt Schornstein. „Nicht alles Scheitern ist gleich. Es ist ein Unterschied, ob jemand den anderen verlässt oder der Verlassene ist“, betont auch Gregor Huben. Das sei eine Zwickmühle, aus der die Kirche noch nicht herauskäme. „Auf den Einzelfall zu gucken, wäre wichtig“, sagt er. Denn: „Recht ist abstrakt, Barmherzigkeit ist konkret. Die Kommunionbank darf keine Richtbank sein.“