Im Stich gelassen

Die Lebensumstände in griechischen Flüchtlingslagern sind vor allem für Kinder bedrohlich

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Datum:
Di 10. Mär 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 11/2020

Die humanitäre Katastrophe an der türkisch-griechischen Grenze kommt nicht überraschend. Die Flüchtlingslager in der Türkei und in Griechenland sind überfüllt. Wie dramatisch die Lage in den Lagern auf den griechischen Inseln Chios und Lesbos ist, hat Martina Wasserloos-Strunk vor Ort erlebt. Sie begleitete die Übergabe von Medikamenten und Spenden des Hilfswerks Action medeor.

Als der kleine Junge vor ihr stand und seine Murmel zum Verkauf anbot, hat es Martina Wasserloos-Strunk fast das Herz zerissen. „Man muss sich das mal vorstellen: Mein Enkel hat im Kindergarten jeden Mittag drei Menüs zur Auswahl und wenn er keines davon mag, bekommt er etwas anderes“, sagt sie. „Und in dem Lager in Chios hat ein etwa Dreijähriger als einziges Spielzeug eine Murmel und die bietet er zum Verkauf an.“ Die Kinder in den überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln Chios und Lesbos sind die Schwächsten und haben am meisten zu leiden. Gerade ist die Presbyterin in einem Flüchtlingslager auf der Insel Chios gewesen. Die Zustände, die sie dort erlebt hat, kann man mit chaotisch beschreiben.

„Das Lager wurde ursprünglich für 1000 Menschen geplant, jetzt leben dort 7000 Menschen“, sagt Wasserloos-Strunk, die  die Übergabe der Spenden vom Medikamentenhilfswerk Action medeor aus Tönisvorst und der evangelischen Kirchengemeinde Rheydt begleitete. Insgesamt leben derzeit rund 50000 Menschen in den griechischen Lagern. Die Menschen leben in Zelten, die sie sich notdürftig aus Plastikplanen gebaut haben, die meisten stehen außerhalb des Ursprungslagers. „Die hygienischen Bedingungen sind untragbar“, sagt Wasserloos-Strunk. „Außerhalb des Ursprungslagers gibt es nur einen Toilettenwagen mit drei Toiletten und einen Duschwagen mit zwei Duschen.“ 

Es gibt keine Müllentsorgung, keine Wasserleitungen und die medizinische Versorgung ist wegen knapper Hilfsmittel notdürftig.  Action medeor liefert in die Gebiete Verbandsmaterial, Hygieneartikel und Wasseraufbereitungsanlagen. Aber auch das ist schwierig, denn ob die Hilfsmittel bei den Menschen ankommen, ist auch von vielen Unbekannten abhängig. „Es gibt dort keine Ordnungskräfte, so dass das Recht des Stärkeren gilt. Frauen ohne ‚Beschützer‘ sind dort Freiwild. Die Gewalt gegen Frauen ist ein Riesenproblem“, berichtet Wasserloos-Strunk. Besonders trifft es die unbegleiteten Kinder in den Lagern. Die jüngsten in dieser Gruppe sind erst drei Jahre alt. Im Lager  auf Chios leben etwa 200 unbegleitete Kinder.

 

Jeden Tag kommen etwa 7000 Menschen  in Schlauchbooten bei den Inseln an

An der griechischen Grenze kommen aus der Türkei weitere Flüchtlinge an, die von den Grenzposten mit Gewalt daran gehindert werden, nach Griechenland einzureisen. Auch über das Meer kommen weiter Menschen in Schlauchbooten, die für die Überfahrten nicht geeignet sind. „Im Moment kommen in der Nacht nur zwei oder drei Boote an, weil das Wasser sehr kalt ist und man die Windstille abwarten muss. In den Booten sitzen Flüchtlinge aus aller Herren Länder, aber vor allem aus Syrien und Afghanistan“, sagt Wasserloos-Strunk. „Oft sind es Familien und viele unbegleitete Kinder. Die Eltern geben ihre Kinder offenbar auf ein Boot und hoffen, dass sich jemand ihrer annimmt.“

Griechenland werde mit dem Problem allein gelassen, stellt Bernd Pastors, Vorstandssprecher von Action medeor, fest. „Das ist ein Skandal.“ Auch für das Hilfswerk wird es immer schwieriger, Medikamente bereitzustellen. „Viele Medikamente, die wir beziehen, sind in der EU nicht zugelassen und dürfen deshalb auch nicht dorthin geliefert werden“, sagt er. Um  die Not der Flüchtlinge etwas zu lindern, kommen aus der ganzen Welt Ehrenamtliche und packen an. Organisiert wird die Freiwilligenarbeit von der Organisation Open Arms, mit der auch Action medeor zusammenarbeitet. Weil das Hilfswerk seine Partner qualifizieren muss, werden immer wieder Vertreter in die Einsatzgebiete geschickt, um die Arbeit und die Verwendung der gespendeten Güter und Gelder zu kontrollieren.

Noch gingen die Einheimischen mit der Situation gelassen um, beobachtete Wasserloos-Strunk. Aber der Friede sei brüchig. „Die Stimmung ist überhaupt nicht gut“, sagt sie. „Auf Lesbos liegt das Lager in der Nähe von Olivenhainen. Inzwischen ist es bis unter die Olivenbäume angewachsen. Oliven sind eine wichtige Einnahmequelle. Der Tourismus bricht gerade weg, und es gibt für die Einheimischen und die Flüchtlinge nur eine Ambulanz.“ Da die Einheimischen vom Tourismus leben, wird die Lage von Tag zu Tag schwieriger. „Auch was mit den EU-Geldern in der Türkei passiert, ist undurchsichtig. Die Schlepper auf der türkischen Seite sind bestens organisiert, und die griechische Küstenwache ist völlig überfordert. Jeden Tag kommen rund 7000 Menschen von der Türkei nach Lesbos“, berichtet Wasserloos-Strunk. Dass inzwischen Rechtsextreme nach Lesbos und ins Grenzgebiet zwischen Griechenland und der Türkei reisen, verschärft die Lage dort zusätzlich.

 

Viele Kinder sind so traumatisiert, dass  sie aufhören, zu essen und zu sprechen

Für die Flüchtlinge ist die Situation zunehmend lebensbedrohlich. Viele sind durch ihre Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht schwer traumatisiert. Besonders unter den Kindern leiden viele unter Kaskadentrauma, weil sie auf ihrer Flucht mehrfach schwere traumatische Erlebnisse verkraften mussten. „Die Kinder hören einfach auf zu essen und zu sprechen“, sagt Wasserloos-Strunk. „Sie verhungern still vor sich hin.“

Martina Wasserloos-Strunk half auf Chios

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