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Höchste Zeit, junge Menschen mit ihren Sorgen, Fragen und Ideen beim Strukturwandel einzubeziehen

Ehrliche Bekenntnisse und Rückmeldungen beim „Forum X“ in Erkelenz: Der forcierte Strukturwandel verunsichert Jugendliche und junge Erwachsene. Wohin geht die Reise der Region?

Forum X Erkelenz (c) Thomas Hohenschue
Forum X Erkelenz
Datum:
Mi. 11. Mai 2022
Von:
Thomas Hohenschue

Wie geht es weiter im Rheinischen Revier? Was sind die Arbeitsplätze von morgen? Wichtige Fragen. Mit großem Aufwand wird ihnen nachgegangen. Aber werden dabei auch die gehört, die in erster Linie betroffen sind? Die jungen Menschen, die sich gerade beruflich orientieren, die sich eine Existenz in der Region aufbauen, sich niederlassen, eine Familie gründen wollen?

Quintessenz einer spannenden Veranstaltung am 11. Mai im Erkelenzer Berufskolleg: Nein, das geschieht nicht. Zumindest viel zu selten. Aus Sicht junger Menschen sieht es vielmehr so aus: Bei den Beratungen und Entscheidungen im Strukturwandel interessiert ihre Meinung nicht, sie sitzen allenfalls schon mal am Kindertisch. So taufte ein junger Erwachsener Schaufensterveranstaltungen, in denen pro forma und für die gute Außenwirkung Dialoge mit der Jugend stattfinden.

Diese Rückmeldung an die älteren Generationen, welche das Heft in der Hand halten, war einer der vielen ehrlichen Momente beim „Forum X“ in Erkelenz. Diese „alten Menschen“ sind auch die Adressaten der Kritik, dass die sozialökologische Transformation verschlafen und verschleppt wurde, die nun angesichts der Klimakrise mit hohem Zeitdruck nachgeholt werden muss. „Ihr müsst mit dem Scherbenhaufen umgehen, den wir Älteren Euch hinterlassen“, räumte Jens Sannig ein.

Der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises skizzierte das Szenario aus Sicht von rund 100 Schüler:innen des Berufskollegs passend: Alte Arbeitsplätze und Sicherheiten gehen verloren, ohne dass schon sichtbar wäre, wohin die Reise geht. Aus dieser Unsicherheit, die alle haben, entstehen ganz praktische Probleme für junge Menschen: Für welche beruflichen Wege, welche Berufe, welche Ausbildung sollen sie sich entscheiden? Finden sie überhaupt Arbeit in der Region?

In diesem schwierigen Moment eines bruchhaften Übergangs setzt das Berufskolleg Erkelenz alles daran, die Schüler:innen in ihrer Eigenständigkeit und Problemlösungskompetenz zu stärken, berichtete Schulleiter Jan Pfülb. Und wusste sehr wohl, dass diese Auskunft zu wenig Orientierung gibt. Wie die ersten Konturen einer möglichen Wirtschaftsstruktur von morgen, wie sie Nicole Kolster von der Zukunftsagentur Rheinisches Revier skizzierte, vermutlich auch nicht.

Höchste Zeit, ernsthaft miteinander zu reden. Zum einen müssen ganz dringend Akteure an einen Tisch, die sich strukturell, von ihrer Aufgabe her, mit den drängenden Fragen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen beschäftigen. Und das läuft auf einen runden Tisch hinaus, an dem zum Beispiel die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer und Bildungseinrichtungen wie das Berufskolleg und das Nell-Breuning-Haus ihre Kräfte, Kompetenzen und Zugänge bündeln.

Zum anderen aber müssen die Ideen, Vorschläge, Bedürfnisse der jungen Generation verbindlich einbezogen werden. Die Wortmeldungen der Erkelenzer Schüler:innen bezeugten eine schmerzliche Lücke in den demokratischen Verfahren. Jens Sannig unterfütterte diesen Befund mit dem Hinweis, dass auch die gesetzlich geforderte Mitwirkung von Jugendlichen bei kommunalen Projekten selten ernsthaft verfolgt werde. Hier braucht es glaubwürdige Formate verbindlicher Mitarbeit.

Spontan bot das Nell-Breuning-Haus eine Zukunftswerkstatt mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Auftakt einer solchen ernstgemeinten Beteiligung an. Das Herzogenrather Bildungszentrum startet just im Oktober eine Demokratiewerkstatt im Rheinischen Revier. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung, in Erkelenz. Von daher schließt sich der Kreis. Und der Impuls des Forums X wird gleich verbindlich aufgegriffen.

 

Info

Das Nell-Breuning-Haus, ein Akteur im Strukturwandel des Rheinischen, beteiligte sich an der Veranstaltung im Berufskolleg Erkelenz als Bildungspartner, der Kontakte ins Netzwerk einbrachte. Die Veranstaltungsreihe „Forum X“ wird durchgeführt vom Berliner Verein „Diskutier mit mir“ in Kooperation mit Bundes- und Landeszentrale für politische Bildung sowie der Robert-Bosch-Stiftung und der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Moderiert wurde die Veranstaltung von Mariam Kublashvili und zeitgleich per App im Netz gestreamt.

Ergänzend konnten Schüler:innen an einem analogen „Wahl-O-Mat“ mit roten und grünen Punkten ihre Haltung zu sachpolitischen Aussagen aus Wahlprogrammen zur Landtagswahl NRW deutlich machen. Das Team um Johannes Tholen von der Landeszentrale für politische Bildung warb kräftig darum, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, um Einfluss auf die Politik zu nehmen. Mit Johannes Tholen verbindet das Nell-Breuning-Haus bereits eine mehrjährige Zusammenarbeit – schon aus Stolberg, wo das Bildungszentrum gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung eine Demokratiewerkstatt durchführt.

Forum X Erkelenz

Mi. 11. Mai 2022
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