Gottesdienst als Protest

Die Kirche(n) im Dorf lassen: Ihr Name ist für die Initiative Programm

In den ökumenischen Gottesdiensten geht es auch um die Bewahrung der Schöpfung und den Klimawandel. (c) Garnet Manecke
Datum:
Di. 3. Nov. 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 45/2020 | Garnet Manecke

Sie singen und beten unter Polizeiaufsicht: Wenn die Initiative „Die Kirche(n) im Dorf lassen“ zum Gottesdienst an der Tagebaukante einlädt, wird sie von Beamten begleitet. Beim Kampf um die Dörfer Keyenberg, Lützerath, Berverath, Kuckum, Ober- und Unterwestrich geht es nicht nur um die Häuser und Grundstücke. Sprecher Jan Niklas Collet berichtet der KirchenZeitung, worum es den Theologen bei ihrem Engagement geht.

Die Initiative „Die Kirche(n) im Dorf lassen“ feiert regelmäßig Gottesdienste am Grubendrand. Ihr Sprecher ist Jan Niklas Collet (c) privat

In Immerath hat der Bagger nicht einmal einen halben Tag gebraucht, da war der Immerather „Dom“ Geschichte. Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie an die Kirche in Keyenberg denken?

Wir sind uns natürlich im Klaren darüber, dass das Gleiche in Keyenberg passieren wird. Für viele in Keyenberg war der Abriss ein traumatisches Erlebnis. Es geht uns von der Aktion „Die Kirche(n) im Dorf lassen“ zwar um das Kirchengebäude, aber auch darum, dass so ein Ort der Gemeinschaft erhalten bleibt. Kirchen sind Orte, an denen man sich versammelt, an denen man feiert und sich in schweren Zeiten gegenseitig unterstützt.

 

Kann man denn mit Singen und Beten einen solchen Widerstand erzeugen, dass die Bagger noch aufgehalten werden?

Es gibt zwei Ebenen: Einmal die grundsätzliche Frage, dass gerade aus der christlichen Perspektive die Schöpfung gut und schön ist. In der Tiefe des Lebens gibt es mehr Gutes als Böses. Deshalb müssen wir uns auch engagieren. Das andere ist, dass wir hauptsächlich Gottesdienste veranstalten, aber wir haben auch schon kleinere Aktionen des zivilen Ungehorsams durchgeführt. Mit einem Gottesdienst auf der abgerissenen Landstraße haben wir sie symbolisch wieder in Besitz genommen. Auch an der besetzten Kneipe, dem Keyenberger Hof, haben wir am Protestwochenende einen Gottesdienst gefeiert. So haben wir gezeigt, dass die Orte nicht nur stehenbleiben müssen, sondern auch mit Leben gefüllt. Hinzu kommt, dass die Kirche immer noch eine große Diskursmacht hat. Wenn Papst Franziskus die Enzyklika „Laudato si“ schreibt, dann wird darüber berichtet. Auch wenn in die Kirchen immer weniger Menschen zu Gottesdiensten kommen, sind sie ja im Kern immer noch Orte der Gemeinschaft. Die Menschen halten es schon für wichtig, sich zu versammeln. Seit Monaten feiern wir Gottesdienste an der Tagebaukante. Die sind gut besucht. Ich glaube schon, dass die Kirchen immer noch wichtige Orte für Menschen sein können.

 

Aber kann die Aufgabe alter Kirchengebäude nicht auch eine Chance sein, etwas Neues zu beginnen?

Zentral ist dabei ja die Frage, wie Kirche sich inhaltlich aufstellt. Da ist die Auseinandersetzung am Grubenrand ein Thema, wo die Botschaft vom Gottesreich heute gehört werden kann. Das Kirchengebäude ist ein symbolischer Ort, an dem man die Frage stellt, wie wir uns eigentlich aufstellen.

 

Sie kommen aus Köln. Bei den Gottesdiensten sprechen evangelische und katholische Geistliche, aber keine aus dem Bistum Aachen. Leisten die keinen Widerstand?

In unserer Initiative „Die Kirche(n) im Dorf lassen“ ist es gemischt. Einige von uns leben nicht in der Tagebauregion. Wir haben aber ein sehr enges Verhältnis zur Initiative „Alle Dörfer bleiben“, in der Bewohner der Dörfer engagiert sind. Und es gibt auch Vertreter aus dem Bistum Aachen, die mitmachen. Der Diözesanrat hat einen Gottesdienst veranstaltet, „Christians for Future“ hat auch schon einen Gottesdienst gefeiert. Der verantwortliche Pfarrer vor Ort hält sich leider zurück. Er vertritt die Meinung, die Entscheidung zur Umsiedlung ist gefallen. Aber Geistliche aus dem Bistum Aachen sind herzlich willkommen.

 

Was erwarten Sie von den Kirchenvertretern?

Alle stellen sich hinter „Laudato si“ und fordern die Bewahrung der Schöpfung ein. Das ist ja erst mal etwas Gutes. Auf der anderen Seite hat das Bistum Aachen die Kirchengebäude verkauft und damit den Weg für die Umsiedlungen bereitet. Sich dem entgegenzustellen, wäre ein stärkeres Zeichen der Solidarität gewesen. Aber jetzt könnten sich die Kirchen öffnen und die Verantwortlichen beschließen, die Gebäude nicht zu entwidmen. Sie könnten sich an die Seite der Menschen stellen.

 

Bei einer Prozession sind die Teilnehmer direkt an die Kante gegangen, obwohl die Polizei sie dazu aufforderte, sich von der Kante wieder zu entfernen, weil es dort zu gefährlich sei. Die Polizisten haben sich schließlich hinter die Singenden gestellt, also noch näher an die Kante. Ist es in Ordnung, sich und andere zu gefährden?

Zum Kontext: Es gab eine angemeldete Demonstration. Die Route wurde von der Polizei am Vorabend verlegt. Wir haben dann eine Prozession gemacht, weil es wichtig ist, dass Protest auch am Ort des Geschehens möglich sein kann. Was die Gefährdung betrifft: Die Stelle ist frei zugänglich. Jeder kann dahin gehen. Daher steht die Frage der Gefährdung nicht im Vordergrund. Es geht dabei immer um die Frage der Gewaltausübung. Die kleinen Gerechtigkeitsbewegungen leisten den zivilen Ungehorsam ja nicht, weil sie Lust an Gewalt haben. Die Aktionen sind Antworten auf die Reaktionen der Polizei und die Realitäten, die RWE dort schafft.

 

Wenn das Wunder geschähe und die Bagger stehen blieben, würden die Dörfer zwar erhalten. Die Dorfgemeinschaften wären aber auseinandergerissen. Ein Großteil der Bewohner ist schon umgesiedelt oder steht kurz davor.

Der Keyenberger Gasthof ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich durch den Tagebau das Dorfleben verändert hat. Geschäfte wie der Bäcker oder der kleine Lebensmittelladen haben geschlossen, weil sie keine Perspektive mehr hatten. Es wird die Aufgabe sein, die Dorfstruktur wieder zu verlebendigen. Letzten Endes wollen die Menschen ja nur das, was für die meisten von uns selbstverständlich ist. Während des Widerstands sind wir nicht nur zeitweise da, sondern bauen zu den Menschen Beziehungen auf. Wir haben zum Beispiel ein enges Verhältnis zu „Alle Dörfer bleiben“, mit denen wir uns gegenseitig stärken. Blieben die Dörfer stehen, dann wäre der Weg noch nicht zu Ende. Dabei spielen die Menschen, die in den Dörfern leben, die erste Geige. Die Entwicklung soll nicht irgendwie stehen bleiben, sondern lebendig sein. Wenn der Zeitpunkt da ist, stellt sich die Frage, wie die Dorfbewohner unterstützt werden können. Ich erlebe, dass die Dörfer dankbar sind, dass Menschen von außen kommen und sie unterstützen.

 

Das Tagebaugebiet Garzweiler I wurde renaturiert und ist heute ein Naherholungsgebiet. Man sieht auch an anderen Orten, dass sich die Natur ihren Lebensraum zurückholt. Kann man da nicht sagen, dass der Eingriff des Menschen die Schöpfung letzten Endes doch nicht zerstört?

Die Renaturierung ist am Ende des Tages besser als das Gebiet sich selbst zu überlassen. Aber es ist ja nicht nur so, dass die Natur an der Stelle zerstört wird. Man muss ja auch auf die weiteren Folgen sehen. Die Kohle wird verfeuert und stößt CO2 aus. Die Schäden im Weltklima durch die Kohlendioxidemissionen sind irreversibel. Der September war 1,3 Grad wärmer als in den Vergleichsmonaten vorindustrieller Zeit. Da sind wir fast bei den 1,5 Grad Erwärmung, die das Pariser Abkommen nennt. Die Folgen des Klimawandels spüren wir auch schon in Deutschland und ganz besonders in den südlicheren Ländern. Und das ist die viel wichtigere Frage: Wie kann man die Folgen begrenzen? Das wichtigere Thema ist, welche Auswirkungen die Kohleverstromung auf das Weltklima hat.

Das Gespräch führte Garnet Manecke.