Für eine Kirche, die offen ist

Rolf-Peter Cremer geht mit klaren neuen Akzentsetzungen in sein künftiges Amt als Aachener Dompropst

Alle sieben Jahre zieht es Tausende Pilger nach Aachen. Die nächste Heiligtumsfahrt findet 2021 statt. Rolf-Peter Cremer plant sie bereits als Wallfahrtsleiter im Team. Nun wird er ihr auch in der neuen Rolle als Dompropst Akzente geben. (c) Thomas Hohenschue
Di 27. Aug 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 35/2019

Wer folgt Manfred von Holtum im Amt des Aachener Dompropstes nach? Die Spekulationen schossen in dieser Frage seit vielen Monaten ins Kraut. Ein Name fiel immer wieder: der von Rolf-Peter Cremer. Ende Juni war es dann soweit: Das Domkapitel wählte den 62-Jährigen zum neuen Dompropst. Im Interview mit der KirchenZeitung erzählt der gebürtige Eifeler, wie es dazu kam und mit welcher Haltung er an die ehrwürdige Aufgabe herangeht.

Domkapitular Rolf-Peter Cremer (c) Domkapitel Aachen/Andreas Schmitter

Die Wahl des Bischofs durch das Domkapitel unterliegt strenger Geheimhaltung. Gilt das auch für die Wahl des Dompropstes?

Sicherlich nicht im Sinne einer päpstlichen Geheimhaltung, zumal die Beratung im Kollegium einvernehmlich ausfiel. Die Mitglieder des Kapitels haben den eindeutigen Wunsch an mich herangetragen, das Amt zu übernehmen. Es gab dazu eine gute inhaltliche Diskussion.

 

Welche Gründe gaben den Ausschlag?

Für mich persönlich und für das Domkapitel ist es ein guter Moment, wenn ich mit 62 Jahren als Dompropst beginne. Damit werde ich, so Gott will, fast so lange das Domkapitel leiten können wie meine drei letzten Vorgänger zusammen. Die Zeitspanne von zwölfeinhalb Jahren bis zur Emeritierung mit 75 Lebensjahren gibt mir Zeit, die Dinge am Dom gut und kollegial weiterentwickeln zu können.

 

Ihr Alter war aber sicher nicht das einzige zugkräftige Argument für Ihre Wahl?

In der Tat gibt es einige inhaltliche Einschätzungen auf meine Person hin, die in Erwartungen münden. So soll und werde ich meine 17-jährige Leitungserfahrung in der Bischöflichen Verwaltung in die Führung und Entwicklung der Einrichtungen am Dom einbringen. Und jeder weiß und begrüßt es, wenn ich dabei einen Akzent auf pastorale Aspekte lege, der neben der Liturgie und der Verkündigung die Diakonie stark macht. Außerdem soll ich das Verhältnis zum Bischöflichen Generalvikariat ausbauen. Das halte ich persönlich auch für unverzichtbar.

 

Bei der Heiligtumsfahrt 2014, die Sie maßgeblich mit vorbereitet haben, konnte man schon stärkere pastorale Akzente beobachten. Gehen Sie in diese Richtung weiter?

Ja, ganz unbedingt. Der Dom ist eine, wenn auch besondere, von rund 900 Kirchen im Bistum Aachen, er ist Bistums- und Bischofskirche. Aber er ist wie sie im Übrigen auch keine Insel der Glückseligkeit. Das, was in der Welt passiert, bei uns vor der Haustür, aber auch anderswo, geht auch ihn an. Gleiches gilt für das, was innerhalb der Kirche geschieht. Wo nach den strukturellen Ursachen von sexuellem Missbrauch durch Kleriker gefragt wird oder nach einer Gleichstellung von Frauen gerufen wird, können wir nicht so tun, als beträfe uns das nicht. Wir sind Teil von Kirche und tragen die Verantwortung mit.

 

Wie wollen Sie diese Öffnung auf gesellschaftliche und binnenkirchliche Fragen hin bewerkstelligen?

Das geht nicht alleine. Damit meine ich zweierlei. Zum einen habe ich mit der Annahme meiner Wahl die Erwartung an die Mitglieder verknüpft, dass wir eine gemeinsame Verantwortung tragen. Ich werde meinen Beitrag leisten, damit wir uns in der Stadt und im Bistum weiter öffnen – aber nicht als Einzelkämpfer. Der zweite Punkt ist die Vernetzung mit anderen, ich nenne beispielhaft die Innenstadtpfarrei und die weltkirchlichen Werke. Der Dom soll ihnen ein Ort sein, an dem sie ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse kooperativ einbringen können.

 

Welche Vision treibt Sie an?

Wenn ich die Entwicklungen und Prognosen rund um die Kirche mit offenen Augen sehe, weiß ich: Wir Christen sind allesamt neu herausgefordert, die frohe Botschaft neu verständlich zu machen. Ich möchte dazu als Propst einen Beitrag leisten. Der Dom spricht zu seinen Besuchern, auch zu den Touristen. Ihnen ist er eine außeralltägliche Unterbrechung, ein Angebot, mit Gott in Kontakt zu treten. Aber seine Bildsprache ist vielen Menschen von heute, gerade den jüngeren, fremd geworden. Das gilt zum Teil auch für unsere Liturgie und Verkündigung. Hier möchte ich helfen, Neues auf den Weg zu bringen, den Dom noch intensiver zu öffnen, jeden Tag für jeden Menschen. 

 

An der Verständlichkeit ehemals selbstverständlicher Rituale und Symbole arbeiten sich viele ab. Was sehen Sie für Möglichkeiten, das Thema am Dom voranzubringen?

Am Dom und in seinen Einrichtungen passiert schon viel. Die weitere Entwicklung werde ich sicherlich nicht einsam entscheiden. Ich nenne aber trotzdem schon mal ein Beispiel. Meiner Meinung nach müssen wir neu schauen, wie wir die Theologie des Doms in Worte fassen. Wie sprechen wir zum Beispiel über das himmlische Jerusalem? Jeder Kenner weiß, dass es ein Leitmotiv in der Architektur der Kathedrale ist. Aber: Was bedeutet es – für die Menschheit, für meine Nächsten, für mich selbst? Ich möchte dazu einladen, dass wir uns über solche Fragen neu Gedanken machen, um anders über den Dom und seine Verwurzelung im Leben zu sprechen.

 

Apropos Leben: Für Sie bedeutet die Wahl ein neuer Lebensabschnitt. Wie geht es mit dem weiter, was Sie bisher taten?

Die Leitung der Hauptabteilung Pastoral/ Schule/Bildung werde ich in absehbarer Zeit abgeben müssen, das ist vom Arbeitspensum her einfach nicht zu leisten. Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger wird gesucht. Auf ausdrücklichen Wunsch von Bischof und Generalvikar behalte ich die Rolle des stellvertretenden Generalvikars. Ich werde die Entwicklung des Bistums mit meinem Wissen um Strukturen und Personen beratend begleiten, bin in die Leitungskonferenz eingebunden, nehme weiter Sonderaufgaben wahr.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.

Die feierliche Einführung des neuen Dompropstes erfolgt am Samstag, 7. September, um 10 Uhr im Rahmen eines Pontifikalamtes im Aachener Dom.