Es geht um Veränderung

Die Kirchenpatronin ist Programm: Maria 2.0 versammelte Menschen in Düren vor der Marienkirche

Zahlreiche Frauen und wenige Männer zeigten ihre Solidarität mit der Aktion „Maria 2.0“ und dem Wunsch nach dem Aufbrechen verkrusteter Strukturen vor der Annakirche in Düren. (c) Ursula Weyermann
Di 21. Mai 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 20/2019 | Ursula Weyermann

Vor der Annakirche in Düren ist ein leichter Wind zu spüren, rein meteorologisch. Da weht aber auch noch ein ganz anderer Wind, der kommt aus Münster, nennt sich „Maria 2.0“ und hat die Dimension eines Sturms.

Die porträtierte Benediktinerin spricht von „dicken Brettern, die noch zu bohren sind“. (c) Ursula Weyermann

Auf dem Ahrweiler Platz vor dem Dürener Gotteshaus sind etliche großformatige Frauenbilder zu finden. Junge Frauen, alte Frauen, mit langen Haaren oder einer Kurzhaarfrisur, in flippigen Klamotten oder in Ordenstracht. Eines ist allen Porträts gemeinsam: Der Mund ist zugeklebt. In Nähe der Bilder und ständig in Bewegung sind etliche Frauen zu sehen. Ebenfalls jung und alt, mit langen Haaren oder flotter Kurzhaarfrisur. Die meisten tragen einen weißen Schal, manchmal auch eine weiße Rose. Und es gibt einen ganz gravierenden Unterschied zu den Porträtierten: Das Pflaster fehlt. Die weiß betuchten Frauen schweigen nicht und wollen auch nicht länger schweigen. Sie informieren, eindringlich, aber leise. Währenddessen findet in der Annakirche ein Gottesdienst statt. Marie-Theres Jung (KFD), Irene Mörsch (Katholikenrat) und etliche Mitstreiterinnen und wenige Mitstreiter nehmen bewusst nicht an der Messfeier teil. „Vom 11. bis einschließlich 18. Mai werden wir keine Kirche betreten und kein Ehrenamt ausüben“, erklärt Marie-Theres Jung die Aktion. Es geht um Abschaffung veralteter verkrusteter Machtstrukturen und die aktive Teilnahme von Frauen in allen Bereichen der Kirche. Aber es geht auch um den Umgang vieler Amtsinhaber mit dem Missbrauch von Kindern durch Würdenträger und dem Umgang mit Tätern und Opfern. Der Zusammenschluss Maria 2.0 agiert bundesweit. Ein Offener Brief an Papst Franziskus liegt an allen Veranstaltungsorten aus. Auch in Düren sind nicht nur Frauen dazu aufgerufen, diese Petition zu unterschreiben.

 

Stille im Kirchenhaus, aber kein stillschweigender Austritt aus der richtigen Kirche

Eine der schweigenden Frauen, die die Münsteraner Künstlerin Lisa Kötter porträtiert hat, ist die Gottesmutter Maria, Namensgeberin der Aktion. Eine Legende besagt, dass sogar ihr Stillschweigen verordnet wurde vom heiligen Bernhard, begründet durch das Pauluszitat, wonach Frauen in der Kirche zu schweigen haben. „Wir sind in Stille hier draußen“, sagt Marga Fleischmann von der Pfarrei St. Lukas. „Es geht uns nicht darum, die Männer anzugreifen. Es geht um Veränderung, nicht um Spaltung.“ Ein stillschweigender Austritt sei keine Option. „Wir sind in der richtigen Kirche und wir agieren aus Liebe und Überzeugung.“ Und Veränderung müsse immer „zuerst innen stattfinden“, ist sich die Gemeindereferentin sicher. „Aus dem Geist Jesu Christi heraus“ möchte sie am Veränderungsprozess ihrer Kirche beteiligt sein. Es gehe auch um Macht und „die Fähigkeit, im Einverständnis mit anderen zu handeln“. Macht brauche auch ein Bewusstsein, und es gebe viele Priesterkollegen, „die auch bereit sind abzugeben“, freut sich Marga Fleischmann. „Aber es kann nicht angehen, dass wir immer auf ,Good will‘ der Priester vor Ort angewiesen sind.“ Eines der Porträts zeigt die Benediktinerin Schwester Philippa Rath. Auch sie trägt für die Aktion ein Pflaster auf dem Mund, obwohl sie nicht auf selbigen gefallen ist und sich gerne einmischt. „Es sind dicke Bretter zu bohren“, hat sie in punkto „Maria 2.0“ formuliert und wird damit – vermutlich nicht nur in Düren – gerne zitiert. Irene Mörsch freut sich, dass durch die Aktion „auch wieder Frauen mobilisiert werden, die sagen, wir hatten schon abgeschlossen mit der Kirche“.

 

Jugendliche hinterfragen den Ausschluss der „Hälfte der Menschheit“

Ähnlich sieht das Martina Schütz-Berg, Leiterin der Jugendeinrichtung im Papst-Johannes-Haus: „Es wird auch Zeit, dass etwas passiert. Ich werde oft von Jugendlichen gefragt, warum die katholische Kirche so altmodisch denkt. Und eine Antwort zu finden, warum die Hälfte der Menschheit nicht mitmachen darf, fällt mir schwer.“ Auch Marlene Schäfer fühlt sich durch die Aktion angesprochen: „Als ich über E-Mail eine Einladung bekommen habe, stand sofort für mich fest: Da muss ich hin.“ Es gibt einige Männer, auch Pfarrer, die die Aktion unterstützen. So auch in Düren. Enttäuschung zeigt sich bei einigen Frauen darüber, dass Bischof Dieser einer Veranstaltung an der Katholischen Hochschule in Aachen ferngeblieben ist. Entsetzen macht sich breit ob der Aussage Hubert Ginderts, Sprecher des konservativen Forums Deutscher Katholiken, der in der Zeitschrift „Kirche+Leben“ folgendermaßen zitiert wird: Die Aktion Maria 2.0 habe „in durchsichtiger Weise den sexuellen Missbrauch instrumentalisiert, um das Frauenpriestertum durchzusetzen“.

 

Der Offene Brief an Papst Franziskus im Wortlaut:

Aufgrund der bekannten und unbekannten massenweisen sexuellen Gewalt durch Amtsinhaber der katholischen Kirche sehen wir uns zum Handeln aufgefordert. Wir glauben, dass die Struktur, die Missbrauch begünstigt und vertuscht, auch die ist, die Frauen von Amt und Weihe und damit von grundsätzlichen Entscheidungen und Kontrollmöglichkeiten in der Kirche ausschließt.

Die Petition kann bis einschließlich 18. Mai auch unter folgendem Link unterschrieben werden: https://weact.campact.de/petitions/offener-brief-an-papst-franziskus-aus-anlass-des-sondergipfels-uber-missbrauch-in-der-kirche

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