Ein bisschen Glück bringen

Im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos kämpfen 15000 Menschen ums Überleben. Sant’Egidio berichtet

Im Restaurant erlebten die Gäste einen Moment der Leichtigkeit in Chaos und Perspektivlosigkeit. (c) Sant’ Egidio/Jugend für den Frieden
Datum:
Di 8. Sep 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 37/2020 | Garnet Manecke

Die „Jugend für den Frieden“ der Gemeinschaft Sant’Egidio war im August im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Die jungen Frauen und Männer wollten den Menschen zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Rebecca Scheeres und Delyar Khalaf aus Mönchengladbach haben der KirchenZeitung von ihren Eindrücken in dem Lager berichtet - vor dem verheerenden Brand, der ausbrach, während die gedruckte Zeitung den Weg zu den Abonnentinnen und Abonnenten nahm.

Manchmal überkommt Rebecca Scheeres die Wut, wenn wieder jemand darüber jammert, eine Maske tragen zu müssen. „Es ist ein Unding zu sagen, eine Maske aufzusetzen sei das Schlimmste“, sagt die 22-Jährige. „Wir dürfen raus, wir dürfen unsere Meinung sagen. Die Menschen dort dürfen nichts davon. Und sie wünschen uns noch Glück und ein gutes Leben.“ „Dort“ ist das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. 3000 Frauen, Männer und Kinder leben in dem offiziellen Camp, weitere 12000 außerhalb. Als Dach über dem Kopf müssen ihnen Plastikplanen reichen – im Sommer ist das unerträglich heiß, im Winter erbärmlich kalt. Zwischen den selbstgebauten Zelten fließen in Rinnsalen die Abwässer. Strom gibt es nicht, fließendes Wasser auch nicht. Zehn Tage waren Rebecca Scheeres und Delyar Khalaf auf Lesbos, um den Menschen in diesem Lager zumindest einen Lichtblick in ihrem harten Alltag zu geben.

Den ganzen August über war die Gemeinschaft Sant’Egidio mit der „Jugend für den Frieden“ vor Ort. „Jeweils Teams mit etwa 40 Leuten, die dann zehn Tage blieben“, sagt Scheeres. „Wir haben versucht, die Menschen ein bisschen glücklich zu machen und ihnen zu zeigen, dass auch sie eine Würde haben“, sagt Delyar Khalaf. Der 27-Jährige ist 2015 selbst aus Syrien geflüchtet. Auch er war auf seiner Flucht kurz auf Lesbos. „Damals gab es das Lager noch nicht“, berichtet er. „Die Flüchtlinge haben in den Straßen der Städte übernachtet, bis sie weiter konnten.“ Er selbst hatte Glück: Nach einer Nacht unter freiem Himmel hat er einen Platz auf einem Schiff zur Weiterreise bekommen. „Aber es gab auch welche, die mehrere Tage oder Wochen warten mussten“, sagt er.
Diejenigen, die heute in den Flüchtlingslagern leben, stecken fest: Zurück können sie nicht, in ein anderes Land dürfen sie nicht. Streng genommen dürfen sie nicht einmal ihr Lager verlassen. „Aber es wird nicht kontrolliert, wer in dem Lager ein- und ausgeht“, sagt Scheeres. „Nur wenn die Polizei die Flüchtlinge außerhalb erwischt, bekommen sie Schwierigkeiten.“


In den Lagern regiert das Recht des Stärkeren, die Selbstmordrate ist hoch

Mit Schwierigkeiten hatte auch die „Jugend für den Frieden“ zu kämpfen. In einer alten Halle, in der früher Olivenöl gepresst wurde, haben sie ein Restaurant für die Flüchtlinge eröffnet. Mit schön eingedeckten Tischen und Bedienung. Um die Gästezahl zu steuern, haben sie Tickets unter den Flüchtlingen verteilt. „Eigentlich hatten wir auch einen Shuttle organisiert, der die Gäste zum Restaurant bringen sollte“, erzählt Scheeres. „Es war alles mit den griechischen Behörden geklärt. Aber schon nach zwei Tagen durften wir das nicht mehr machen.“ Ihre Gäste mussten einen anderen Weg finden, die Distanz der zehnminütigen Fahrt zu überwinden.

Das Familienrestaurant war nur eine der vielen Aktionen, die die „Jugend für den Frieden“ dort gestartet hat. Für die Kinder wurde die Friedensschule eröffnet. Jedes Kind bekam zur Begrüßung etwas zu trinken, einen Keks und eine Mund-Nasen-Maske. „Wir haben mit ihnen Bewegungs-und Freundschaftsspiele gemacht, getanzt und Musik gemacht und oft auch einfach nur zugehört, was sie erzählen und was sie bewegt“, erzählt Khalaf. Das Angebot sprach sich schnell rum. Kamen am ersten Tag 250 Kinder, waren es am zweiten Tag schon 400. „Aber wir wollten kein Kind abweisen.“ 

Für Frauen und Kinder wurde in der Friedensschule ein geschützter Raum eingerichtet, in dem auch Essen verteilt wurde. Auch hier war der Zuspruch sehr groß: Die Anzahl der ausgegebenen Rationen stieg schnell von 250 auf 700.

Die Zuwendung, die die Menschen erfahren haben, sei ihnen wichtig gewesen, sagt Scheeres. „Es kamen Leute zu uns, die einfach nur mal reden wollten. Die Selbstmordrate ist hoch, viele verletzen sich selbst“, ergänzt Khalaf. „Diese Menschen leben an einem Ort, an dem das Recht des Stärkeren gilt. Trotzdem versuchen sie, sich eine Struktur zu schaffen“, sagt Scheeres. Einer hat eine Art Kiosk eröffnet, an dem er Getränke und nützliche Dinge verkauft. Ein Paar backt täglich Brot für den Verkauf. Aus allem wird etwas gemacht: Die alte Obstkiste wird zum Beispiel zur Schaukel für die Kinder, bunte Fäden ersetzen die Ohrringe.

Ein großes Problem ist der Müll, der nicht entsorgt wird, und die Feindseligkeit, denen die Flüchtlinge ausgesetzt sind. „Uns wurde geraten, die Leibchen mit dem Sant’Egidio-Logo auszuziehen, wenn wir in die Stadt fahren“, sagt Scheeres. In Geschäften gibt es zwei Warteschlangen: eine für Einheimische und eine für Flüchtlinge. Es gibt Gruppen, die Feuer in den Camps legen und Flüchtlinge bedrohen. Die provisorischen Schulen wurden zerstört. „Einiges hat mich an Bilder vom Nationalsozialismus erinnert“, sagt Scheeres. Der große Berg von Schwimmwesten der neu angekommenen Geflüchteten gehört dazu.

Sant'Egidio Jugend für den Frieden in Moria

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