Die ganze Welt retten

Beim Protest gegen den Tagebau geht es schon lange nicht mehr um den Erhalt der Dörfer

Die Bagger fressen sich weiter durch die Erde: Die Abbaukante reicht nun direkt bis Keyenberg. Das Dorf ist bereits zur Hälfte umgesiedelt. (c) Garnet Manecke
Di 26. Mai 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 22/2020 | Garnet Manecke

Der Kohleausstieg ist in Deutschland beschlossene Sache, und die Technologie, um aus Kohle Energie zu gewinnen, längst veraltet. Dennoch fressen sich die Bagger weiter durch die Landschaft und vergrößern den Tagebau. Mit Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath sollen noch fünf Dörfer weggebaggert werden. Die Umsiedlungen laufen, der Protest bleibt.

Mit einem ökumenischen Gottesdienst unter freiem Himmel protestierten Umweltschützer gegen den Tagebau. (c) Garnet Manecke

Der Mann reagiert wütend auf die Frage: „Man muss doch nicht immer die Dörfer gegeneinander ausspielen“, sagt er und geht einen Schritt zurück. Eine Antwort auf die Frage, wie denn die Konzepte für Keyenberg aussehen, wenn ein Wunder geschähe und RWE die Bagger sofort stoppte, hat er aber nicht. „Dann hat man eben zwei Dörfer“, ist seine Antwort. Der Mann ist nicht aus Keyenberg und auch nicht aus einem der anderen vier Dörfer, die noch umgesiedelt werden sollen.

Die kleine Szene am Rande des „Gottesdienstes an der Kante“ zeigt das Dilemma des Protests: Viele, die nun noch für den Erhalt der Dörfer kämpfen, sind vom Tagebau nicht direkt betroffen. Bei den Bewohnern der betroffenen Dörfer hängt das Engagement auch sehr davon ab, inwieweit der Umzug ihrer Dorfgemeinschaft schon fortgeschritten ist. Was sie aber alle eint: Es geht schon lange nicht mehr nur um die Dörfer. Den Protestlern geht es um das Klima – darin werden sie auch von vielen Dorfbewohnern unterstützt. Entsprechend ist das Bild, dass sich beim Open-Air-Gottesdienst zeigt: Der Einladung der Initiative „Die Kirche(n)  im Dorf lassen“ sind zu einem großen Teil Menschen aus der weiteren Region gefolgt. Aus Wesel, Köln, Euskirchen, Bergheim und Düren sind sie gekommen.

„Es geht uns darum, aus christlicher Initiative ein Zeichen zu setzen“, sagt Benedikt Kern vom Institut für Theologie und Politik Münster. „Der Schöpfungsgedanke ist der zentrale Punkt für uns.“ Es sei Irrsinn, dass der Tagebau fortgeführt werde, obwohl schon längst bekannt sei, dass damit eine veraltete Technologie in der Energiegewinnung unterstützt werde.  Die damit einhergehende Zerstörung der Umwelt, das Abtragen fruchtbarer Erde, in der bisher Lebensmittel und Tierfutter gewachsen sind, wird angeprangert. „Wir haben nur ein Klima. Ich habe keinen Berg zu retten, aber wir alle einen  Planeten“, bringt es eine Rednerin aus Berverath auf den Punkt.

Der Verlust der Heimat, in der ihre Familie seit Generationen lebt, ist eine schmerzende Wunde. Aber mittlerweile geht es nicht mehr nur darum.  „Die Leute bereisen die ganze Welt auf der Suche nach der unberührten Natur“, sagt ein Redner. „Und hier wird sie zerstört.“ Wie groß das Ausmaß der Zerstörung ist, kann man an Keyenberg gut beobachten. Nur 200 Meter vor dem Ort sichern Sperren und Metallzäune den Zugang zur Abbruchkante ab. Die Kreuzung vor dem Dorf, die früher aus vier Richtungen angefahren wurde, kann heute nur noch aus drei Richtungen befahren werden. Bald wird sie Geschichte sein.