Die Last tragen die ärmsten Länder

Weltweit sind über 60 Millionen Menschen auf der Flucht

Flüchtlinge (c) www.pixabay.com
Datum:
Do 19. Mai 2016
Von:
Garnet Manecke
Fragt man nach der Ursache von Flucht, liegt die europäische Antwort auf der Hand: der Krieg in Syrien. Doch die meisten Flüchtlinge in der Welt erreichen Europa überhaupt nicht – und sie kommen nicht aus Syrien.

Bei den Sozialethischen Gesprächen berichtete Oliver Müller, Leiter von Caritas International, Überraschendes zu den Ursachen und Auswirkungen von Vertreibung und Flucht.

Oliver Müller ist kein Theoretiker. Als Leiter von Caritas International, dem Katastrophenhilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, hat er in den vergangenen zehn Jahren 50 Länder in allen Kontinenten bereist. Er war in Flüchtlingslagern im Libanon und im Irak. Gerade mal zwei Monate ist es her, dass er sich in Damaskus ein Bild davon gemacht hat, wie die Menschen in der im Krieg zerstörten Stadt unter sehr schwierigen Bedingungen leben.

„2015 war das vierte Jahr in Folge mit einem Rekord an Flüchtlingen“, sagt er den Teilnehmern der Sozialethischen Gespräche, zu denen die Katholische Sozialwissenschaftliche
Zentralstelle in Mönchengladbach eingeladen hatte. „Nach Angaben der UNHCR (UNO-Flüchtlingshilfe, Anm. der Red.) waren im vergangenen Jahr über 60 Millionen Menschen auf der Flucht, das waren 8,3 Millionen mehr als 2014“, berichtet Müller in seinem Vortrag. 50 Prozent seien Kinder und Jugendliche. Doch nur 20 Prozent der Flüchtlinge werden als solche international anerkannt. Denn dafür müssen sie nach Artikel 1 der 1951 in Kraft getretenen Genfer Flüchtlingskonvention eine entscheidende Bedingung erfüllen: die Grenze zu einem anderen Land überschreiten. Das trifft auf den größten Teil der Flüchtlinge nicht zu: Über 40 Millionen Frauen, Männer und Kinder sind Binnenflüchtlinge. „Aus Sicht der Hilfswerke haben wir diese Gruppe besonders im Augenmerk, weil es für sie keine internationalen Mandate gibt“, berichtet Müller. „Sie haben keinen Anspruch auf direkte internationale Hilfe.“ 

In allen Ländern führt die Aufnahme zu Veränderungen.

Aber wo kommen alle diese Flüchtlinge unter? Wer glaubt, das wohlhabende Europa trüge die Hauptlast der weltweiten Fluchtbewegung, irrt. „Es sind nicht die wohlhabenden Länder, die Flüchtlinge aufnehmen“, weiß Müller. Vier von fünf Flüchtlingen kommen in Entwicklungsländern unter. Setzt man die Wirtschaftskraft der Aufnahmeländer ins Verhältnis zu den Aufnahmezahlen, sind unter den Top Ten sieben afrikanische Länder, darunter Äthiopien, Tschad und Uganda, und mit Pakistan, Afghanistan und Bangladesh drei asiatische Länder. Die Ärmsten der Armen tragen die Hauptlast. 

„In allen Ländern führt die Aufnahme von Flüchtlingen zu Veränderungen“, sagt Müller. Der Libanon hat 2014 über 1,1 Millionen Menschen aus Syrien und dem Irak aufgenommen. Bei einer Einwohnerzahl von 4,5 Millionen Menschen stellen Flüchtlinge über ein Viertel: auf 1000 Einwohner kommen 257 Flüchtlinge. Zum Vergleich: Nach Deutschland kamen im vergangenen Jahr fast 1,1 Millionen Menschen, gut 476 000 beantragten Asyl – bei gut 80 Millionen Einwohnern.

Mieten und Nahrungsmittel werden teurer, Löhne sind um 30 bis 40 Prozent gesunken

Der Zuzug der Flüchtlinge im Libanon hat Folgen: Mieten und Nahrungsmittel werden teurer, die Löhne für einfache Arbeiten sind um 30 bis 40 Prozent gesunken, Schulen sind überfüllt und geben in Doppelschichten Unterricht – dabei kann nur ein kleiner Teil der Flüchtlingskinder überhaupt eine Schule besuchen. Dazu kommt, dass die materielle Versorgung sowie die Gesundheitsversorgung unzureichend sind. „Im Monat benötigt eine Durchschnittsfamilie mit fünf Personen 775 Dollar“, sagt Müller. „Doch den Betrag haben die Familien nicht zur Verfügung.“ Vor allem für Mädchen hat das Folgen. „Wir bemerken einen signifikanten Anstieg der Verheiratung sehr junger Mädchen im Alter von zwölf bis 16 Jahren“, sagt Müller. „Das ist ein Zeichen dieser extrem großen Not: ein Esser weniger.“ 

Die Not wird verschärft, seit die UNWelternährungsorganisation WFP die finanziellen Hilfen im vergangenen Jahr von 30 auf 19 und schließlich auf 13,50 Dollar pro Person gekürzt hat. „Als man gesehen hat, was man dadurch auslöst, sind die Hilfen wieder angehoben worden“, berichtet Müller. „Aber nicht auf den ursprünglichen Betrag.“ Während der Krieg in Syrien im Bewusstsein der Europäer ist, nimmt kaum jemand wahr, dass der größte Teil der Flüchtlinge Binnenflüchtlinge sind. Die Ursachen macht Müller schnell aus: Laut Konfliktbarometer des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung gibt es weltweit 423 Konflikte, davon sind die Hälfte gewalttätig. Dazu kommen etwa 43 Kriege. „An erster Stelle der Auseinandersetzungen steht der Kampf um Rohstoffe und Ressourcen, an zweiter Stelle stehen die Konflikte um Macht“, erläutert Müller.

Ein Beispiel für einen gewalttätigen Binnenkonflikt, unter dem die Bevölkerung seit Jahren leidet, ist der Kongo: eine schwache Regierung, korrupte Großunternehmen  und gewalttätige Rebellengruppen sind die Basis für einen seit Jahren andauernden Bürgerkrieg um wertvolle Bodenschätze wie Diamanten, Gold und Coltan. 2,8 Millionen Menschen sind innerhalb der Demokratischen Republik Kongo auf der Flucht, von deren Schicksal die Welt keine Notiz nimmt. „Es ist ein Binnenkonflikt, der kaum auf der internationalen Agenda steht“, sagt Müller.

Während gewalttätige Konflikte als Fluchtursache einer breiten Öffentlichkeit im Bewusstsein sind, ist es Armut schon weniger. Müller nennt noch eine dritte Ursache, die immer öfter dazu führt, dass Menschen ihre Heimat unter Gefahren verlassen, um woanders eine Perspektive zu suchen: den Klimawandel. 

Fischerei-Abkommen mit EU vernichtete tausende Arbeitsplätze im Senegal

„Klimaflüchtlinge sind bereits Realität“, sagt Müller. Schon jetzt haben 19,2 Millionen Flüchtlinge wegen der Folgen von extremer Trockenheit, Unwetter oder Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen. „Dieses Phänomen wird weiter auf der Tagesordnung stehen, auch wenn Klimaflüchtlinge nicht anerkannt sind.“ 

Auch internationale Abkommen haben Konsequenzen, weil sie Menschen die Grundlage ihrer Existenz entziehen. Ein Beispiel ist das Fischerei-Abkommen von 2014 zwischen der Europäischen Union und dem Senegal. Es sichert der EU umfangreiche Fischereirechte vor der senegalesischen Küste. Gleichzeitig erhalten einheimische Fischer keine Lizenzen mehr. Tausende Arbeitsplätze sind so verloren gegangen – und eine neue Generation Flüchtlinge geschaffen worden.