Die Kunst der Befähigung

Mit „Capacitar“ lernen Frauen und Flüchtlingshelfer, die eigenen Kräfte zu spüren und weiterzugeben

Capacitar Nachricht (c) Kathrin Albrecht
Datum:
Di. 20. Juni 2017
Von:
Kathrin Albrecht
Wie kann man Menschen unterstützen, die in Kriegs- und Krisengebieten Schreckliches erlebt haben? Wie kann man selbst traumatische Ereignisse verarbeiten und sich selbst stärken und schützen?
Janisch (c) Kathrin Albrecht

 Auch hier im Bistum Aachen fragen sich das viele, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Einen einfachen Ansatz stellt ein Konzept dar, das Körperübungen, Atemtechniken und heilpädagogische Ansätze der chinesischen und indischen Tradition miteinander verbindet.

„Capacitar“ heißt das Konzept – das spanische Wort bedeutet übersetzt so viel wie „befähigen“. Entwickelt hat diesen Populäransatz die US-Amerikanerin Pat Cane, die damit unter anderem nach einem schweren Hurrican in Nicaragua mit den Menschen arbeitete, die nach der Naturkatastrophe vor dem Nichts standen. In 45 Ländern auf fünf Kontinenten arbeiten Menschen inzwischen mit dieser Methode, die einfache Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

Auch Ingrid Janisch gehört zu den Menschen, die Capacitar anwenden. Die stärkende Wirkung erfuhr die Missionarin vom Säkularinstitut St. Bonifatius buchstäblich am eigenen Leib. Im Einsatz in Ruanda erlebte sie Mitte der 1990er Jahre den Genozid. Sie kümmerte sich um die Überlebenden, arbeitete mit Witwen und Aids-Waisen und merkte, dass sie bald selbst am Ende ihrer Kräfte war. Über eine befreundete Ärztin lernte sie „Capacitar“ kennen und übte zunächst für sich. Die Übungen, entlehnt aus Yoga, Tai Chi oder Pal Dan Gum, lösen innere Spannungen und ermöglichen, die eigenen körperlichen Ressourcen so umzuleiten, dass man sie auch an andere weitergeben kann. „Wer sich selbst heilen kann, kann auch positiv in die Gesellschaft wirken“, ist die Idee des Ansatzes. Ihr Wissen gibt Ingrid Janisch seit 2013 auch in der Region Nord-Kivo nahe der Stadt Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo weiter. Hier leidet die Bevölkerung seit mehr als 20 Jahren unter einem blutigen Bürgerkrieg, immer wieder angefacht durch ethnische Konflikte und Rohstoffe wie Gold und Coltan.

 

Menschen sollen spüren, dass sie nicht Opfer, sondern Handelnde sind

In Schulen und sozialen Zentren, in Pfarreien und Krankenhäusern leitet Ingrid Janisch mit ihrem Team Menschen in Capacitar an. „Wir möchten den Menschen helfen, ihre eigenen Kräfte zu spüren, sie sollen sich nicht wie Opfer fühlen, sondern spüren, dass sie Handelnde sein und positiven Einfluss nehmen können“, erläutert Ingrid Janisch ihre Arbeit. In einer Art Schneeballsystem erfolgt die Ausbildung der Animatoren, die in ihren Gemeinden die Methode weitergeben. Auch mit traumatisierten Kindersoldaten hat Janisch in Goma gearbeitet. Auf Einladung des Hilfswerkes Missio, das ihre Arbeit mit den Kindersoldaten finanziell unterstützt, stellte sie ihren Ansatz auch im Bistum Aachen vor. Studierende der Katholischen Fachhochschule in Aachen, Fachleute aus der Arbeit mit traumatisierten Menschen und Teilnehmerinnen eines Workshops der Katholischen Frauengemeinschaft und Missio konnten von Janisch selbst erfahren, wie Capacitar wirkt.

 

Gegen Mechanismen arbeiten, die Menschen gegeneinander aufhetzen

Die einfachen Übungen und der niedrigschwellige Ansatz ermöglichen es, Capacitar interkulturell und interreligiös einzusetzen und in bestehende Programme zu integrieren, hebt Janisch hervor. Und leitet gemeinsam mit den Co-Referentinnen Michaela Frank, Heilpädagogin und Kunsttherapeutin aus Aachen, und der Entspannungspädagogin Gabriele Schütz-Lembach die Teilnehmerinnen an. Um die eigenen Ressourcen zu erspüren, lässt sie die Teilnehmerinnen erst einmal die Hände ineinander reiben, dann die Hände aufeinander zu- und wieder voneinander wegführen. Das Kraftfeld, das die Frauen spüren, sind die körpereigenen Energien. Übungen wie „Den Bogen spannen“ oder „Die Erde stützen“ sollen diese Energie aktivieren und die Konzentration stärken. Auch einfache Mudras (Hand-Gesten) oder Akkupressurtechniken helfen, innere Blockaden zu lösen und Schlafstörungen oder nervöser Unruhe entgegenzuwirken.

Andere Übungen, wie mit den Fingern ein Labyrinth „abzuschreiten“, helfen bei der eigenen Zentrierung und Konzentration. „Das Gute an Capacitar ist, dass man näher bei sich ist und damit auch näher bei anderen“, beschreibt Maria Treutler ihre Eindrücke: „Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, ist schon viel gewonnen.“ Ähnlich sieht das auch Ingrid Janisch: „Respekt vor dem Leben, Menschenwürde, Solidarität sind die Grundpfeiler von Capacitar. Mit unserer Arbeit versuchen wir den Mechanismen, die Ethnien und Menschen gegeneinander aufhetzen, entgegenzuwirken.“

Auch im Bistum hat der Besuch Eindruck hinterlassen, im kommenden Jahr soll es einen weiteren Capacitar-Workshop geben. Damit käme man einem Großteil der Teilnehmerinnen sehr entgegen, die den Tag als große Bereicherung empfanden. „Es lohnt sich, von Capacitar weiterzuerzählen. Das werde ich auch tun“, fasste eine Teilnehmerin ihre Eindrücke zusammen.

Capacitar Quadrat (c) Kathrin Albrecht
Capacitar (c) Kathrin Albrecht