Die Haltung verändern

Wenn Einstehen verbindet: Interkulturelle Woche mit interreligiösem Totengedenken in Krefeld

Gemeinsamkeiten gibt es nicht nur im Gedenken zu entdecken, sondern auch im kulturellen Austausch. (c) privat
Di 3. Sep 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 36/2019 | Ann-Katrin Roscheck

Dass zwischenmenschliche Begegnungen der Schlüssel zu einem respektvollen Miteinander sind, zeigt die Interkulturelle Woche in der Seidenstadt, die vom 22. bis 29. September stattfindet. Erneut ist die katholische Kirche Krefeld beteiligt: Am Freitag, 27. September, ist unter der Initiative unter anderem von Arbeiterpriester Albert Koolen zum „Interreligiösen Totengedenken an die Opfer der Flucht“ auf dem Platz vor der Alten Kirche eingeladen.

An der Pforte von St. Dionysius weist ein Plakat auf die neue Partnerschaft mit der Seebrücke hin. (c) privat

„Wir Menschen schöpfen aus unserer Herkunft, aus unserer Religion und aus unserer Tradition und bringen diese Erfahrungen in die Gesellschaft mit ein“, erklärt Tagrid Yousef als Integrationsbeauftragte der Stadt Krefeld. „Dadurch formen wir eine neue Gesellschaft, die natürlich auch mit Herausforderungen und Konflikten umzugehen lernen muss.“ – „Krefeld war schon immer eine Stadt, die jeder Religion einen eigenen Wirkungskreis eröffnete“, beschreibt der Theologe Albert Koolen. Schon im 17. Jahrhundert haben die Mennoniten hier ein Zuhause gefunden. Genauso leben Muslime, Hindus, Juden, Aleviten oder Bahai’ in der Stadt. Legte die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 70er Jahren die Grundlage für einen interreligiösen Dialog, weiß der Arbeiterpriester, dass die Schnittpunkte der unterschiedlichen Glaubensgruppen in der Praxis heute viel größer sein könnten. „Ich persönlich erlebe, dass in unserer Welt das, was uns trennt, oft wichtiger ist als das, was uns verbindet“, beschreibt er kritisch. „Ob wir als katholische Kirche genug für das Gemeinsame tun, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet.“ Mit dem interreligiösen Totengedenken hat der Schaffenskreis bereits im letzten Jahr einen wichtigen Prozess auf den Weg gebracht und knüpft damit an eine alte Krefelder Tradition an: Denn kurz vor dem Jahrtausendwechsel gab es schon einmal die Initiative für ein gemeinschaftliches Friedensgebet, das mehr als zehn Jahre lang regelmäßig in unterschiedlichen Glaubensgemeinden in Krefeld durchgeführt, aber dann aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen einzelnen Gemeinschaften eingestellt wurde. „Dieser Prozess untermalt eigentlich, wie die Welt immer noch tickt“, bekräftigt der Theologe. „Verlässliche Verbindung aufzubauen, ist schwierig und braucht Zeit.“

 

Fürbitten verschiedener Glaubensgruppen formulieren zentrale Anliegen

Dass das funktionieren kann, werden die unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften unter freiem Himmel eindrucksvoll präsentieren: Denn nicht nur im Gebet, sondern auch im gemeinsamen Gesang mit dem Jugendchor der islamischen Union, in einer muslimisch-christlichen Eröffnung des Gedenkens und in interreligiösen Fürbitten, die von Christen, Hindus, Juden, Muslimen, Bahai’, Aleviten und der Seebrücke als Vertreter für die wichtigen Verbände der Flüchtlingsarbeit vorgetragen werden, stehen die Glaubensgruppen für den gleichen Zweck nebeneinander. An Informationsständen werden sie vorab und anschließend außerdem über ihre Wirkungskreise und persönlichen Themen informieren.

 

Krefelder Seebrücke und die Citykirche sind Kooperationspartner

Mit der Seebrücke ist eine Krefelder Aktionsgemeinschaft dabei, die in den letzten Monaten vermehrt den Kontakt zur Kirche gesucht und mit der Citykirche Krefeld und Cityseelsorger Ulrich Hagens eine Anlaufstelle gefunden hat. Mit einer öffentlichen Gedenkstelle für alle Menschen, die auf der Flucht vor Klimawandel, Krieg, Folter oder Diskriminierung ihr Leben verloren haben, zeigen die Kooperierenden Gesicht. „Das, was auf dem Mittelmeer und auch schon vorher auf der Flucht geschieht, ist ein Skandal, bei dem auch wir als Kirche nicht wegschauen dürfen“, meint der Seelsorger. „Im Sinne der Pastoral ist die Kirche für Menschen in Not da, das möchten wir auch öffentlich zeigen.“

Seit Anfang September bittet ein großes Banner am Eingang der Kirche darum, das Sterben im Mittelmeer zu stoppen. Passanten haben Blumen niedergelegt, ein Aufsteller informiert über das Schicksal vieler Geflüchteter. Für Jürgen Schachschneider als Mitgründer der lokalen Seebrücke in Krefeld ist es die erste Kooperation mit einer Kirche. „Ich glaube daran, dass es unsere christliche Verantwortung aus der Forderung der Nächstenliebe heraus ist, Stellung zu beziehen und aktiv zu handeln“, erklärt er. „Zeigt die evangelische Kirche zum Beispiel mit der Schickung eines eigenen Rettungsschiffes Aktion, fehlt mir das auf der anderen Seite noch.“

Immer wieder thematisiert Papst Franziskus öffentlich das Schicksal der Geflüchteten, besuchte 2016 selbst ein Flüchtlingslager auf Lesbos. Dass die Aktion von Akteuren in den Gemeinden abhängt, symbolisiert die Kooperation mit der Citykirche und auch mit Priester Koolen. „Ich möchte die Einladung an weitere Gemeinden formulieren, Kooperationen Raum zu geben“, formuliert Schachschneider weiter. Genau wie Tagrid Yousef als Integrationsbeauftragte und Arbeiterpriester Albert Koolen wird auch Jürgen Schachschneider beim „Interreligiösen Totengedenken an die Opfer der Flucht“ auf dem Platz vor der Alten Kirche am 27. September seine Hände falten und für die vielen Einzelschicksale beten. Gemeinsam werden sie auf Veränderung hoffen und Denkprozesse anstoßen. Sie werden an die fast 4000 Menschen denken, die von Ende 2014 bis Ende 2018 in Krefeld als Geflüchtete einen sicheren Hafen gefunden haben. Und vor allem werden sie ein Zeichen für Interreligiösität und Interkulturalität setzen, das anhält. Tagrid Yousef ist sich sicher: „Je mehr wir uns kennenlernen, je mehr verändert sich dadurch auch unsere Haltung.“

Programm für den 27. September unter www.interkulturellewoche.de, Suchwort: Krefeld