Den Strukturwandel im Rheinischen Revier demokratisch und sozial ausgestalten

Vom Ruhrgebiet lässt sich lernen: Um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen zu verbessern, braucht es einen präzisen Blick und Projekte in Quartieren. Fazit eines Workshops

LZPB Strukturwandel Demokratie (c) Thomas Hohenschue
Datum:
Do. 21. Okt. 2021
Von:
Thomas Hohenschue

Der Strukturwandel im Rheinischen Revier nimmt Fahrt auf. Fördermillionen fließen, um Impulse zu setzen. Im Vordergrund stehen dabei technologische, infrastrukturelle und wirtschaftliche Aspekte. Wie aber sieht es mit gesellschaftlichen Anliegen aus? Wie wird die Bevölkerung auf diesem Weg in die Zukunft mitgenommen? Wie wird sie bei der Gestaltung einbezogen?

Diese Frage beschäftigt Akteure, die sich im Bereich der politischen Bildung für partizipative Prozesse engagieren. Mittendrin in diesem Geschehen: die Landeszentrale für politische Bildung NRW und das Nell-Breuning-Haus. Die beiden kooperieren in dieser Frage miteinander. Neuester Baustein in der Kooperation: ein Workshop am 20. Oktober 2021. Im Haus Overbach in Jülich-Barmen vernetzten sie Frauen und Männer aus Kommunen, Wissenschaft, Gewerkschaft, quartiersbezogener sozialer Arbeit sowie Zukunftsagentur Rheinisches Revier miteinander. Ein Ziel dabei: einige konzeptionelle Eckpunkte für eine mögliche Demokratiewerkstatt für die Region zusammenzutragen.

Im inspirierten interdisziplinären Dialog kamen offene, ehrliche Einschätzungen auf den Tisch. Zum Beispiel die, dass eine demokratische Ausgestaltung des Strukturwandels kein Selbstläufer ist. Dafür braucht es auf allen Ebenen Menschen, die für das Anliegen trommeln. Beteiligung und soziale Innovation zu organisieren, benötigt ebenso Ressourcen, wie Gewerbegebiete auszustatten oder Forschungscluster aufzusetzen. Bislang scheint es an der ein oder anderen Stelle noch an Sensibilität dafür zu fehlen, was der große Umbruch der Region mit der angestammten Bevölkerung macht und was für eine stärkere und anhaltende Akzeptanz des Strukturwandels zu tun ist.

Lässt sich dabei aus dem Strukturwandel des Ruhrgebiets lernen? Ja und nein zugleich, lautet die Aussage von Prof. Sebastian Kurtenbach, FH Münster, der sich intensiv mit der Transformation von Regionen beschäftigt. Positiv bewertet er die Rolle von Stiftungen, welche bestimmte soziale und kulturelle Innovationen im Ruhrgebiet vorangetrieben und ihnen ein Gesicht gegeben hat. Aber ansonsten empfiehlt er, nicht fremde Konzepte für fremde Städte zu übernehmen, sondern mit einem klaren, realistischen Blick auf die örtlichen Situationen im Rheinischen Revier zu schauen und daraus Antworten zu entwickeln. Und örtlich heißt letzten Endes: quartiersgenau.

Denn das ist etwas, was Sebastian Kurtenbach aus seinen Analysen eindeutig ableiten kann: Nicht nur jede Region ist verschieden. Nicht nur jede Stadt innerhalb einer Region unterscheidet sich von den Nachbarstädten. Sondern selbst in jeder Stadt und in jedem Ort gibt es deutliche Differenzen in der Sozialstruktur, in den räumlichen und infrastrukturellen Bedingungen. Soll also soziale Innovation helfen, Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Region zu verbessern, deren Ausstrahlung als Wirtschaftsstandort und Lebensmittelpunkt zugleich zu stärken, muss man auf die Quartiere schauen. Und mit den Menschen vor Ort beraten, wie man diese weiterentwickelt.

Das ist im Kern politische Bildung und soziale Arbeit, die sich aufsuchend im Gemeinwesen bewegt. Der Schlüssel zur sozialen Innovation liegt darin, den Menschen vertrauenswürdige Möglichkeiten anzubieten, ihr Umfeld mitzugestalten. Die Erfahrung ist, dass sie diese Chance ergreifen, sobald Türöffner bei ihnen anklopfen oder erste Ergebnisse Mut machen, sich ebenfalls einzubringen. Sebastian Kurtenbach plädiert für eine ergebnisoffene Beratung vor Ort. Er warnt vor akademisierten, komplexen Herangehensweisen und vor der Vorstellung, die Dinge von oben zu steuern. Lokal denken, lokal beraten, lokal umsetzen – das ist für ihn die richtige Strategie.

Bei der Landeszentrale für politische Bildung NRW läuft diese Vorstellung offene Türen ein, wie Dr. Karina Hauke-Hohl unterstrich. In ihrer Zuständigkeit vernetzt und fördert sie bislang acht Demokratiewerkstätten quer durchs Bundesland. Eine davon verantwortet das Nell-Breuning-Haus, in Stolberg. Über diese Werkstätten gelingt es in sozialstrukturell benachteiligten Quartieren, Menschen zu erreichen, die sich ansonsten weniger von partizipativen Prozessen und politischer Bildung ansprechen lassen. Die Erfahrungen seien gut, bilanzierte Karina Hauke-Hohl: Demokratie werde hier als Haltung und Lebensprinzip erfahrbar. Auch die Identifikation mit dem Gemeinwesen werde gestärkt. Um diese Resultate zu verstetigen, brauche es weiter einen verlässlichen Rahmen.

Die Runde diskutierte diese Impulse als wichtige Wegweiser, wie der mit Wucht einsetzende Strukturwandel mit demokratischen Projekten und Prozessen flankiert werden kann. In Inga Maubach von der Zukunftsagentur Rheinisches Revier hat das Anliegen eine Partnerin, welche nachhaltige Transformation auch mit Blick auf die soziale Komponente durchdekliniert. Gerade im Bereich der lebenslangen Bildung sieht sie wichtige Aufgaben, damit die Bevölkerung von der Dynamik des Umbaus der Region nicht abgehängt wird. Auch die soziale Infrastruktur muss sich weiter entwickeln, wenn sich die Wirtschafts- und Wissenschaftslandschaft transformiert. Das schließt die demokratische Beteiligung der Wohnbevölkerung mit ein.

Wie sperrig es ist, diesen Gedanken wirksam zu machen, wie dick also die Bretter sind, die gebohrt werden müssen, konnten Sophie Kreutzer von der Stadt Kerpen und Prof. Sylvia Hamacher von der Katholischen Hochschule NRW aus ihren jeweiligen Arbeitskontexten berichten. Das Soziale ist bislang einfach zu wenig im Blick, lautete das gemeinsame Fazit. Daran in den weiteren Beratungen zum Strukturwandel des Rheinischen Reviers zu arbeiten, das Thema auf die Tagesordnung zu heben, ist eine gemeinsame Verabredung. Die Demokratiewerkstätten als partizipative Pionierprozesse gemeinwesenbezogener Veränderung bilden eine wichtige Folie, wie es gehen kann. Es braucht keinen zusätzlichen Masterplan dafür, sondern nur die Phantasie und den Mut, Projekte vor Ort anzustoßen und dafür die nötigen öffentlichen Mittel bereitzustellen.

Den Strukturwandel im Rheinischen Revier demokratisch und sozial ausgestalten

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Bilder: Thomas Hohenschue