Da scheiden sich die Geister

Ein Zukunftsthema: Wie umgehen mit der Not vieler Pfarreien, das sakramentale Leben aufrechtzuerhalten?

Da scheiden sich die Geister Nachricht (c) Thomas Hohenschue
Datum:
Di. 4. Dez. 2018
Von:
Thomas Hohenschue
Zunehmend geht Bischof Helmut Dieser mit einer größeren Zahl von kirchlichen Mitarbeitern ins Gespräch. Wie es sich für einen offenen Austausch gehört, kommen dabei auch konträre Positionen zu Wort. So zum Beispiel kürzlich bei 90 Mitarbeiterinnen aus Pfarrbüros im Bistum.
da scheiden sich die Geister (c) Thomas Hohenschue

Zunächst legte der Aachener Bischof den versammelten Frauen seine Analyse der aktuellen kirchlichen Situation auf den Tisch. Und nicht wenige werden sich darin wiedergefunden haben. Der Alltag in den Pfarreien sei doch so, dass alle Beteiligten an ihre Grenzen stießen. Die Bedürfnisse der Gläubigen einerseits, die enge personelle Decke andererseits ließen sich nicht übereinbekommen. Im erschöpfenden Versuch, weiter Volkskirche zu sein mit einem flächendeckenden Angebot, drohe die Freude des Evangeliums verlorenzugehen.
Soweit, so einvernehmlich. Berichte aus den Pfarrbüros bestätigten die Analyse. Die Nöte vor Ort seien ganz praktischer Natur: Menschen klopfen an, möchten heiraten, ihr Kind taufen lassen – und es sei oft kaum möglich, das passend zu verwirklichen. Die allseitige Unzufriedenheit zehre an den Nerven. Viele Mitarbeiter seien überfordert. Die Stimmung wurde als katastrophal beschrieben.


Sonntag heiligen

Bischof Dieser nahm die Berichte entgegen und ordnete sie in den Gesprächs- und Veränderungsprozess „Heute bei dir“ ein. Er mochte nicht die Hoffnung wecken, dass man aus der skizzierten Not rasch herauskommt. „Diese Notwirtschaft müssen wir eine Zeit lang noch aufrechterhalten“, sagte er. Und leitete über zu der Frage, wie man am besten die Sakramente neu organisiere. Er sucht nach kirchlichen Orten, wo künftig verlässlich Gottesdienst gefeiert, geheiratet, getauft, gefirmt wird. Das Kirchturmsdenken trage dabei nicht, es scheitere wie alle bisherigen Konzepte, die darauf abzielten, das Bestehende zu verlängern. Davon müsse man sich lösen, um anschlussfähig für andere Milieus und jüngere Generationen zu werden, bekräftigte Dieser.

Zum offenen Streit kam es, als der Bischof seine persönliche Sicht auf den Sonntag darlegte. Für ihn ist die Heiligung des Sonntags ein zentrales Anliegen, das er selbst in den Prozess einbringt und für das er mit Vehemenz wirbt. Die sonntägliche Versammlung der Gläubigen vor Gott ist für ihn unzweifelhaft eng mit dem eucharistischen Anschluss an Jesu Tod und Auferstehung verbunden. An dieser Frage schieden sich die Geister. Vielerorts engagieren sich mit hohem Aufwand und tiefer Gläubigkeit Frauen und Männer in der Gestaltung von Wortgottesfeiern. Diese Gottesdienste seien in den Augen vieler mehr als eine Antwort auf den Priestermangel, sondern zeitgemäßer, theologisch vollwertiger Ausdruck des gemeinsamen Priestertums, hieß es in Aachen.


Neue Formen gesucht

Dem mochte sich Bischof Dieser nicht anschließen. Für ihn seien lokale Wortgottesfeiern nicht die Zukunftsantwort, sondern verlängerten das Denken, das um den eigenen Kirchturm kreise. Er suche nach neuen Formen, die sonntägliche Feier der Eucharistie als gemeinsames Glaubensereignis erlebbar zu machen.